So einfach funktioniert die kapitalistische Ökonomie nicht.
Allgemeine Arbeitszeitverkürzungen erhöhen in der Regel den Druck auf die Unternehmer, die Arbeitszeitverkürzungen durch die Erhöhung der Arbeitsproduktivität zu kompensieren und führten in der Geschichte zu den diversen Produktivkräfte-"Revolutionen" in der produzierenden Industrie und der Landwirtschaft. Die Erhöhung der Arbeitsproduktivität bringt dann einen deutlichen Konkurrenzvorteil gegenüber allen anderen Firmen, welche weiter mit technologisch überholten Methoden produzieren.
In der Geschichte des Kapitalismus hat sich das Verhältnis von totem Kapital (Produktionsmittel) zu lebendigem Kapital (Arbeitskräfte) in der industriellen Produktion kontinuierlich zugunsten des toten Kapitals verschoben.
Arbeitszeitverkürzungen wirken historisch nicht primär als sozialpolitisches Instrument, sondern als ökonomischer Zwangsmechanismus. Sie erhöhen, sofern Preise und Output nicht beliebig angepasst werden können, den Druck auf Unternehmen, verringerte Arbeitszeit durch höhere Arbeitsproduktivität zu kompensieren. Dieser Mechanismus hat nicht selten zu brutalen Produktivitäts- und Technologieumbrüchen geführt. Die Industrie und die Landwirtschaft waren bisher am meisten betroffen.
Entscheidend ist aber nicht die Arbeitszeitverkürzung an sich sondern der entstehende Zwang auf den Arbeitsinput. Ob der dann durch Regulierung, steigende Löhne, Arbeitskräfteknappheit oder demografische Effekte ausgelöst wird, ist ökonomisch sicher nicht die relevanteste Frage. In allen Fällen steigt der Anreiz zur Kapitalintensivierung. Arbeit wird durch Maschinen, Automatisierung, bessere Organisation und später durch Software substituiert. Wer diesen Schritt nicht vollzieht, erzielen strukturelle Kostennachteile und wird vom Spielfeld gefegt.
Das ist letztendlich auch der Grund für die Verschiebung weg vom lebendigen Kapital (Arbeitskraft), hin zum toten Kapital (Produktionsmittel). Das ist aber nicht Zweck an sich, sondern eine empirisch ganz gut nachweisbare Konstante kapitalistischer Entwicklung unter Wettbewerbsdruck. Produktivitätsgewinne entstehen in den seltensten Fällen freiwillig, sondern fast immer als Reaktion auf Knappheit.
Für China gilt dieser Mechanismus besonders krass. Dort existieren weniger formale Arbeitszeitverkürzungen, sondern vielmehr Demografie, steigende Löhne, internationaler Wettbewerbsdruck und staatlich forcierte Industriepolitik. Der extreme Arbeitseinsatz ist passt da eigentlich nicht dazu, Ich würde das als Übergangsphase sehen, in der durch hohe Arbeitsintensität Kapitalakkumulation und technologische Aufrüstung vorfinanziert werden. Ziel ist aber ganz deutlich erkennbar ein hoch kapitalintensives, produktives und arbeitsarmes Produktionssystem. Daher machen sich die Chinesen auch weniger Sorgen um die Demographie.
Hart ausgedrückt: Produktivitätssprünge entstehen nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Zwang. Wo Arbeit knapper, teurer oder begrenzt wird, setzt sich langfristig Kapital durch. Und genau da liegt der eigentliche Wettbewerbsvorteil.
Geändert von Genussläufer (10.01.2026 um 13:19 Uhr).
Grund: sorry für die lange Antwort
In China gibt es auch Reiche. Ich weiss nicht, ob da mit dem Finger auf sie gezeigt wird und dass die Leute dadurch an Motivation verlieren viel zu arbeiten.
Das lässt sich gar nicht so einfach sagen. Man müsste hier auch gesellschaftlich und individuell trennen. Gesellschaftlich ist alles legitim, was Fortschritt schafft und das Land nach vorn bringt. Das gilt aber nur, solange Du Dich nicht über das System stellst. Da musst Du nur an Jack Ma denken.
Individuell sind die Chinesen pragmatisch. Die Identifikation mit solchen Leuten wie hier oder in den USA gibt es nicht. Das wird eher betrachtet wie unterschiedliche Spielfelder. Und wenn Jobs kommen, gute Vergütung ist die Welt in Ordnung. Nur mit übermäßigen Prunk tun die sich schwer. Dekadenz wird von fast allen abgelehnt. Erfolg ist nicht negativ besetzt, auch wenn wirklich viel Kohle damit verbünden ist.
Du merkst aber auch die Gewichtung. Unternehmertum steht dort ganz groß. Spekulation wird gesellschaftlich und individuell weitgehend kritisch gesehen. Das sind aber nur Ausschnitte aus meiner eigenen Erfahrung und aus Gesprächen.
"Arbeitszeitverkürzungen wirken historisch nicht primär als sozialpolitisches Instrument, sondern als ökonomischer Zwangsmechanismus. .......
Hart ausgedrückt: Produktivitätssprünge entstehen nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Zwang. Wo Arbeit knapper, teurer oder begrenzt wird, setzt sich langfristig Kapital durch. Und genau da liegt der eigentliche Wettbewerbsvorteil."
Danke für die Ausführungen. Auf nichts anderes wollte ich aufmerksam machen als ich schrieb:
"Allgemeine Arbeitszeitverkürzungen erhöhen in der Regel den Druck auf die Unternehmer, die Arbeitszeitverkürzungen durch die Erhöhung der Arbeitsproduktivität zu kompensieren und führten in der Geschichte zu den diversen Produktivkräfte-"Revolutionen" in der produzierenden Industrie und der Landwirtschaft."
Wer früher als Firma in C oder C++ Anwendungssoftware programmiert hat, brauchte dafür deutlich länger und mehr Personen, als wer heute auf breite Standardbibliotheken (auch konstantes Kapital (Sachkapital) oder künftig eine KI im Unterschied zum Entwickler, lebendiges) zurückgreifen kann. D.h. auch im Softwarebereich zeigt sich diese allgemeine Tendenz, wo mehr Sachkapital auf weniger Humankapital im Verhältnis trifft.
Möglich, daß es diese Tendenz gibt; in meinem Arbeitsumfeld hatte ich bisher eher den Eindruck, daß dies zwar als Wunschrichtung existiert, aber nicht wirklich effizient umgesetzt werden konnte, weil ja die Aufgaben im Vergleich zu Früher (dank neuer Möglichkeiten) auch viel komplexer und Umfangreicher wurden. Bei uns war bisher der Anteil von Humankapital in allen Software/Dienstleistungs-Bereichen eher noch am Steigen, als am Fallen, im Gegensatz zu allem was "Hardware" beinhaltet. Vielleicht ist da aber nur meine Firma hinten dran.
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“If everything's under control, you're going too slow.” (Mario Andretti)
Der verlinkte in Spanisch geschriebene Artikel befasst sich mit den wirkungsmächtigen Reaktionen Chinas auf die Entführung Maduros durch die USA. Sie bestätigen die von mir im Trump Thread geäusserte Einschätzung, dass die Aussenpolitiks Trumps zu einem schwindenden Einfluss der USA führen wird.
MAGA = Make America go away .
Zitat:
"China hat eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die auf die Wasserlinie des US-Imperiums hinweisen, weil die Aggression gegen Venezuela eine Kriegserklärung auf den Vorschlag einer multipolaren Welt und der BRICS ist.
Ein paar Stunden nach der Nachricht von der Entführung von Präsident Maduro berief Xi Jinping eine Dringlichkeitssitzung des Ständigen Ausschusses des Polybüros ein, die genau 120 Minuten dauerte, es gab keine diplomatischen Kommunikationen oder Drohungen, es gab das Schweigen, das zum Sturm übergeht, weil dieses Treffen das aktivierte, was die chinesischen Strategen die Asymmetrische umfassende Antwort nennen, um auf eine Aggression gegen die Partner der westlichen Hemisphäre und Venezuelas zu reagieren."