100 % Klimaneutral weltweit klingt toll - halte ich aber für Industriegesellschaften zu meinen Lebzeiten (und das hoffe ich sind noch ein paar Jahrzehnte) für illusorisch, 50 % wäre schon ein riesiger Schritt. Sich darauf einzustellen und die kurzfristigeren Ziele an die Realität anzupassen wäre ratsam, finde ich.
Was hälst Du denn für realistisch in den nächsten 10, 20 oder dreißig Jahren ? Ich hoffe natürlich Du wirst noch älter :-)
Um noch meine persönliche Meinung dazu zu sagen. 100% Klimaneutralität umzusetzen halte ich technisch für gut möglich. M.E. beweist das der Fortschritt, auch der technische, der gemacht wurde in den letzten Jahren. Es ist eine reine Frage der Prioritäten und politischen bzw. gesellschaftlichen Einigkeit über dieses Ziel. In diesem Bereich läuft auch noch vieles schief, ist aber alles lösbar, wenn der Wille da ist.
Was hälst Du denn für realistisch in den nächsten 10, 20 oder dreißig Jahren ? Ich hoffe natürlich Du wirst noch älter :-)
danke, aber über dreißig wäre schon sehr ambitioniert (mein Vater wurde 91, und meinte öfter in seinen letzten Jahren, er hätte eigentlich schon zu lange gelebt...). Weltweit halte ich über ca. 30 Jahre eine CO2-Emissionssenkung von vielleicht 30 % für sehr wahrscheinlich, optimistisch könnten 50 % drin sein (bezogen auf heute, wir dürften über das Maximum hinaus sein). Dies unter der optimistischen Annahme daß in der Energierzeugung fossile Energien fast völlig auslaufen, möglicherweise auch im Pkw und Öffi-Bereich. Ich befürchte, daß im Bereich schwerer Nutzfahrzeuge (besonders Militär), Schiffe, Flugzeuge, sowie Industrie/Prozesswärme fossile Quellen noch lange nicht für alle Anwendungen wirtschaftlich und effizient ersetzt werden können. Ebenso wird im Bereich Gebäudeheizungen die Umstellung sehr lange dauern, wenn man sich reale Sanierungsraten und die finanzieller Möglichkeiten der Besitzer ansieht. Erdöl wird übrigens trotzdem weiter gefördert werden, da es auch ein wichtiger, kaum ersetzbarer Rohstoff für alles mögliche ist (z.B. Carbon-Bikes, Windräder, Schmierstoffe, Verpackungen, ...).
Zitat:
Zitat von walter
U100% Klimaneutralität umzusetzen halte ich technisch für gut möglich. M.E. beweist das der Fortschritt, auch der technische, der gemacht wurde in den letzten Jahren. Es ist eine reine Frage der Prioritäten und politischen bzw. gesellschaftlichen Einigkeit über dieses Ziel. In diesem Bereich läuft auch noch vieles schief, ist aber alles lösbar, wenn der Wille da ist.
Technische Machbarkeit allein ist, wie Du selber schreibst, noch lange nicht genug. Ich halte dies auch aktuell noch nicht für alle Bereiche gegeben (s.o.). Neben dem Willen sind aber härtere Faktoren wie Wirtschaftlichkeit und Rohstoff-Verfügbarkeit wesentliche Begrenzer. Dazu kommt, daß es m.M.n. kaum zu erwarten ist, daß es eine weltweite Einigkeit und Priorisierung dafür geben wird, allen schönen Abkommen zum Trotz; dafür sind Länder, Kulturen, politische Interessen und Prioritäten viel zu vielfältig und auch zeitlich variabel in den über 190 Ländern dieser Welt. Oder meinst Du, daß Länder in der Situation wie aktuell die Ukraine, oder auch Iran sich leisten können oder wollen, sich um Klimaschutz Gedanken zu machen?
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“If everything's under control, you're going too slow.” (Mario Andretti)
Oder meinst Du, daß Länder in der Situation wie aktuell die Ukraine, oder auch Iran sich leisten können oder wollen, sich um Klimaschutz Gedanken zu machen?
Ja, warum nicht? Schließlich haben die Menschen dort auch Kinder und Enkel.
Du spielst hier die Sorge um die nackte Existenz gegen den Klimaschutz aus. Damit kann man praktisch alle Missstände rechtfertigen. Kinderarbeit, Gewalt gegen Frauen, Hinrichtung homosexueller Menschen und so weiter. "Oder meinst Du, daß Länder in der Situation wie aktuell die Ukraine, oder auch Iran sich leisten können oder wollen, sich Gedanken um Gewalt gegen Frauen zu machen?"
Das Argument ist in der Szene der Klimabremser sehr häufig und kommt stets in diesem Gewand daher: Die Menschen haben wichtigere Sorgen als das Klima in 50 Jahren.
Dahinter steckt das falsche Argument, dass nur das allerwichtigste Anliegen einer Gesellschaft ihre Aufmerksamkeit verdient. Bereits das zweitwichtigste Anliegen würde damit die Legitimation verlieren, sich darum zu kümmern.
Klimaschutz ist in praktisch allen Gesellschaften als existenziell wichtiges Thema akzeptiert. Es verdient Aufmerksamkeit und Einsatz, auch wenn es aktuell jeweils noch drängendere Aufgaben geben sollte. So ist das nunmal: Es sind mehrere Aufgaben gleichzeitig zu meistern, da ist überhaupt nichts dabei. Es war nie anders.
Oder meinst Du, daß Länder in der Situation wie aktuell die Ukraine, oder auch Iran sich leisten können oder wollen, sich um Klimaschutz Gedanken zu machen?
Gerade ärmere Länder setzen auf erneuerbare Energien, es ist einfach viel billiger und Dezentralität der Energieversorgung sichert Versorgungssicherheit. Ich hatte dieses Video dazu hier kürzlich schonmal geposted.
Weltweit gibt es noch Herausforderungen aber für uns in Deutschland und Europa ist es aus Gründen der Unabhängigkeit besonders wichtig diese anzustreben.
Zum Erreichen von Klimaneutralität muß man nicht unbedingt Emissionen auf null reduzieren, sondern kann dieses auch durch andere Maßnahmen kompensieren.
Mögen wir den Kram des Herrn mal nicht unnnötig aufwerten und bezeichnen ihn korrekt als Hypothese. Eine Theorie ist das noch lange nicht.
Eine Hypothese, die das IPCC in der Working Group III unter dem Namen Carbon Leakage ebenfalls thematisiert. Willst Du nun auch das IPCC nicht unnötig aufwerten?
Die sehen die Quote nicht ganz hoch, sehen und diskutieren dort Lösungen wie man das Problem politisch mindern könnte.
Wenn ich mir den weltweiten Handel anschaue, würde ich die Thesen auch empirisch bestätigen können.
Die Studie stellt nicht die Klimaziele infrage, sondern den Weg dorthin.
Zentrale Diagnose:
Die deutsche Energiewende ist extrem teuer, hochgradig bürokratisch und ökonomisch riskant. Sie basiert auf sehr optimistischen Annahmen (Technologiekosten, Effizienzgewinne, Ausbaugeschwindigkeit). Sie gefährdet Wettbewerbsfähigkeit, industrielle Wertschöpfung und Akzeptanz. Sie droht am Ende klimapolitisch wirkungslos zu bleiben (Carbon Leakage). Das wird gut plastisch aufgezeigt.
Dann werden die Kosten transparent aufgezeigt und ein Bild über deren Relativität zur Wirtschaftsleistung und der Gesamtinvestitionen aufgezeigt. Ich könnte das zusammenfassen, aber es lohnt sich hier mal im Detail zu lesen. Dann werden die Gründe für bestimmte Instrumente besser verständlich.
Der Charme des von der Arbeitsgruppe vorgeschlagenen Gruppe ist weniger die technischen Lösungen, sondern die Strategiearchitektur.
Vor allem die konditionale Kooperation „Wir reduzieren relativ zur Peer Group (G20 + X).“ ist spieltheoretisch überzeugend. Das ist eine klassische Trigger-Strategie:
Wenn ihr mitzieht → wir gehen weiter
Wenn nicht → wir bremsen
Das ist Tit-for-Tat. Damit geben wir die Trümpfe nicht aus der Hand. Und wir vermeiden, unsere Wettbewerbsfähigkeit aufzugeben, wenn die anderen nicht mitziehen. Für mich macht das sehr viel mehr Sinn, als unsere aktuelle Strategie.
Eine Hypothese, die das IPCC in der Working Group III unter dem Namen Carbon Leakage ebenfalls thematisiert. Willst Du nun auch das IPCC nicht unnötig aufwerten?
Für die Mitlesenden: Es geht bei dieser Theorie um folgenden Mechanismus für den weltweiten Ölverbrauch.
Wenn die Nachfrage nach Öl sinkt, etwa weil Deutschland oder Europa ihre Wirtschaft zunehmend elektrifizieren, dann sinkt der Ölpreis. Durch den geringeren Ölpreis wird Öl dann attraktiver für die verbleibenden Marktteilnehmer. Das führt auf ein Paradoxon: Klimaschutz hier bewirkt einen höheren Ölverbrauch dort.
Einwände:
Der Ölpreis kann nicht beliebig weit nach unten sinken. Denn er muss die Produktionskosten decken und Gewinne abwerfen. Es gibt also eine untere Preisgrenze für das Öl. Das gilt um so mehr, als dass künftige Ölvorkommen immer schwerer zu fördern sind. Außerdem müssen die Kosten auf immer kleinere Fördermengen verteilt werden. Der Ölpreis kann also nicht beliebig sinken.
Der Ölpreis steht in Konkurrenz zu anderen Energieformen. Aktuell befinden sich die erneuerbaren Energien in einem Wettlauf gegen die fossilen. Das ist einerseits ein preislicher Wettlauf, aber außerdem ein Wettlauf der Anwendungsfelder: Beispielsweise fahren die Autos der Zukunft elektrisch, Ölpreis hin oder her.
In der Summe dieser beiden Aspekte kann die Ölförderung unrentabel werden.
Last not least: Der Klimawandel selbst. Bereits in 50 Jahren werden sich die Landmassen durchschnittlich um knapp 6°C aufgeheizt haben, vorausgesetzt, wir betreiben Klimaschutz bis dahin so, wie wir und das international gegenseitig versprochen haben. Große Gebiete werden für menschliches Leben zu heiß, zum Beispiel in Indien. Bei 50°C kann man keine Landwirtschaft mehr betreiben. Auch der Süden der USA wird stark betroffen sein. Das wird neue Impulse in die Debatte bringen, ob die Ölfirmen einfach machen dürfen, was sie wollen.
Wenn ihr mitzieht → wir gehen weiter
Wenn nicht → wir bremsen
Das ist Tit-for-Tat. Damit geben wir die Trümpfe nicht aus der Hand. Und wir vermeiden, unsere Wettbewerbsfähigkeit aufzugeben, wenn die anderen nicht mitziehen. Für mich macht das sehr viel mehr Sinn, als unsere aktuelle Strategie.
Eins vorab: Das Konzept verstößt gegen die deutschen Klimaschutzgesetze, die europäische Gesetzgebung und das Pariser Abkommen. Es ist nicht zum deutschen Grundgesetz kompatibel, das sich am 1.5°C-Ziel orientiert.
Außerdem: "Wenn andere Länder beim Klimaschutz nicht mitziehen, bremsen wir ebenfalls". Was soll das? Wenn der Klassenletzte seine Hausaufgaben nicht macht, lassen wir es alle sein und verzichten auf einen Schulabschluss?
Ein Land, das wenig oder keinen Klimaschutz betreibt, kann nach obigem Konzept damit rechnen, dass in der Folge alle anderen ihre Klimaschutzziele abschwächen. Wie soll daraus jemals ein wirksamer Klimaschutz entstehen?