|
Szenekenner
Registriert seit: 30.05.2010
Beiträge: 6.184
|
Maria M.
Der Anruf gerade ließ kurz das Adrenalin hoch schießen, aber jetzt, nur 10 Minuten danach, spüre ich, dass Ruhe in mir aufkommt und ein gutes, sicheres Gefühl.
Die nette Pflegerin Frau B. aus dem Altenheim, in dem meine Betreute Frau Maria M. lebt, rief mich gerade an. Frau M.s Zustand habe sich seit vorgestern, als ich sie das letzte Mal sah, weiter massiv verschlechtert und das Pflegeteam geht davon aus, dass sie nun kurzfristig sterben wird. Seit gestern nimmt sie kaum noch Flüssigkeit zu sich, ihr Gesicht verändert sich, ihre Augen fallen tief in die Höhlen. Ich kenne das, habe es selbst im Altenheim viele, viele Male gesehen. Als ich am Montag bei ihr war, dachte ich schon, dass ihr Gesicht wie das einer Sterbenden aussieht. Es ist ein bestimmter Blick, der meist ruhig und in sich gekehrt ist. Ich hatte mich mit dem Hausarzt besprochen, der meine Meinung teilte und keine PEG-Indikation sah.
Jetzt sehe ich mich bestätigt in meiner Haltung und bin froh, dass eine Sterbende keinem so invasiven Eingriff ausgesetzt wurde, der das Sterben nicht verhindert hätte. Das Pflegeteam teilt diese Meinung offenbar auch, zumindest überwiegend. Die Meinung der Pflegedirektorin, die den Druck aufgebaut hatte, ist für mich unerheblich, weil sie nicht im Kontakt mit der Bewohnerin ist. Ich wünsche mir für Frau M., dass sie nun friedlich sterben kann, wenn es denn soweit ist. Ich werde morgen Früh noch einmal hinfahren und dann mit einem ambulanten Hospitz-Dienst Kontakt aufnehmen, damit sie eine Sterbebegleitung machen. Die Pflegekräfte haben für so was immer zu wenig Zeit und Frau M. verfügt über ein Taschengeldguthaben von über 900 Euro, die ich dafür einsetzen will.
Ich habe eben noch mal deutlich gemacht, dass ich eine enge Begleitung auch durch die Pflege erwarte und dass Frau M.s Mundschleimhäute und Lippen immer wieder befeuchtet werden, damit sie nicht das Gefühl hat zu verdursten.
Die behinderte Tochter von Frau M., die im selben Heim lebt, war eben bei ihr und wird sie weiter regelmäßig besuchen. Frau M. hat das wahr genommen, wie mir die Pflegerin Frau B. sagte. Ich bin mir sicher, dass Frau M. weiß, dass der Abschied naht und das auch so will.
Jetzt bin ich innerlich ganz ruhig, auch wenn meine Hände etwas zittern, weil ich zwar schon viele alte Menschen habe sterben sehen und schon viele Male eine Haltung zur Frage einer Sonde hatte, diese nun aber zum ersten Mal nach außen vertreten, durchsetzen und natürlich auch verantworten muss. Vor der Betreuten, vor dem Pflegeteam und dem Arzt, vor dem Gericht und natürlich auch vor mir selbst. Zum Glück nicht vor Gott, an den ich nicht glaube, aber sollte ich irren und es gibt ihn doch, dann würde ich auch mit ruhigem Gewissen vor ihm stehen.
Ich hoffe, dass ich alles richtig gemacht habe. Letzte Sicherheit gibt es nie, aber ich habe ein gutes Gefühl.
Trotzdem bin ich betroffen. Weil vermutlich ein Mensch stirbt. Und weil ich sehr an meine Grenzen gekommen bin.
Ich danke euch für die netten Worte der letzten Zeit und an die Gedanken, die ihr vielleicht an mich hattet.
Ich werde euch berichten, wenn sie es hoffentlich friedlich geschafft hat.
Jetzt gehe ich schwimmen. Ich freue mich auf die Ruhe, die mir das Wasser bringen wird.
Euch einen schönen Abend, bis bald,
J.
|