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Verhinderte Weihnachten - Erich Kästner
Verhinderte Weihnachten
Zunaechst verteile man die schoensten Rollen:
Der Gustav eignet sich - weil er mutiert -
zum Weihnachtsmann. Valeska baeckt die Stollen,
indem sie Semmeln mit Rosinen ziert.
Als Mutter laesst sich Frieda gut gebrauchen.
Denn sie ist dick und traegt bereits Frisur.
Und Karl muss Vater sein. Denn Karl kann rauchen.
Und ausserdem besitzt er eine Uhr.
Die andern Kinder koennen Kinder bleiben.
Sie duerfen kratzen, Nasen ziehn und schrein
und duerfen gern ein bisschen uebertreiben.
Auch heulen duerfen sie. Doch nur zum Schein.
Dann werden die Rouleaus herabgelassen,
damit es dunkel wird und draussen schneit.
Der Karl muss oefters an den Ofen fassen
und murmeln: 'O du liebe Weihnachtszeit!'
Und dann darf Gustav in das Zimmer treten.
Als Weihnachtsmann. Mit einem weissen Bart.
Und brummen muss er: 'Koennt ihr denn auch beten?
Damit ich sehe, ob ihr artig wart!'
Da muessen alle Kinder schrecklich lachen
und rufen: Gustav sei kein Weihnachtsmann!
Mit ihnen waere so was nicht zu machen!
Da geht dann Gustav wieder nebenan.
Jetzt muessen beide Eltern furchtbar zanken:
Pfui! Das erlebten sie zum erstenmal!
Und solche Eltern koennten sich bedanken!
Und solche Kinder waeren ein Skandal!
Zum Schluss muss Karl sich moeglichst ernst gebaerden,
und man muss spueren, dass er es beklagt:
'Da unsre Kinder taeglich klueger werden'
- erklaert er - 'wird die Feier abgesagt.'
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Das Leben ist ein Zeichnen ohne die Korrekturmöglichkeiten des Radiergummis.
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