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Esst mehr Gemüse
Registriert seit: 22.09.2006
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Ich würde gerne den "theologischen Kontext" dieses PDFs erläutern. Wer sich für Kirchenpolitik nicht interessiert (also alle), möge dieses Posting überspringen.
Der Text ist notwendigerweise lang, aber, nochmals: Wen es nicht interessiert, der möge es überspringen.
1. Wer wird angesprochen?
Der Autor sagt, viele "Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien" hätten ihn um eine Klarstellung gebeten, also quasi der Querschnitt der Kirche, quer durch alle Ränge. Der Absender der Botschaft sind also jene, die die Kirche darstellen. Aber wer ist dann der Adressat? An wen richtet sich die Botschaft? In der Auflistung der "Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien" fehlt ausgerechnet der Papst. Ist das nicht verblüffend?
Er sagt, diese Richtigstellung sei notwendig wegen der sich "ausbreitenden Verwirrung im Glauben". Aber wer verbreitet diese Verwirrung?
Außerdem: Warum wird hier das Wort "Verwirrung" verwendet? In der Kirchensprache ist Satan der große Verwirrer. Gemeint ist damit, dass er die Menschen mit schönen Worten auf eine falsche Fährte lockt.
Dieses Schreiben richtet sich gegen den Papst. Kardinal Müller gehört zu einer durchaus großen Gruppe von Bischöfen und Kardinälen, die dem Papst einen Abfall vom rechten Glauben vorwerfen und dies auch schlüssig begründen können.
2. Wer ist der Autor, Kardinal Müller?
Müller war bis vor kurzem Präfekt der Glaubenskongregation. Das ist jene Abteilung des Vatikans, die festlegt, was der rechte Glaube ist, und was nicht. Es ist die Nachfolge-Abteilung der "Heiligen Inquisition". Es ist zugleich das (theologisch gesehen) höchste Amt im Vatikan, noch vor dem Papst. Zwar muss der Papst die Beschlüsse der Abteilung unterschreiben, jedoch ist er dazu verpflichtet, wenn nicht sehr schwerwiegende Gründe dagegen sprechen.
Der Papst führt die Kirche. Aber was geglaubt wird, bestimmt diese Abteilung. Das bedeutet, dass Kardinal Müller als einer der höchsten Autoritäten gilt, um festzulegen, was der rechte Glaube ist. Sein Wort hat Gewicht.
Diese Position hielt unter Papst Johannes Paul II. ein Mann namens Joseph Ratzinger inne, der später selbst Papst wurde. Es gibt also eine sehr, sehr lange Kontinuität in diesem Amt und in seinen Verkündigungen. Seit Generationen wurde dieses Amt mit eiserner Hand geführt. Beispielsweise verloren durch Ratzinger jene Professoren ihr Amt, die andeuteten, dass die Jungfräulichkeit von Maria eventuell nicht wörtlich zu verstehen sei.
3. Der Konflikt
Vor einiger Zeit wurde Kardinal Müller von Papst Franziskus aus diesem Amt entlassen. Franziskus hat zudem angeregt, einige strenge Kirchenregeln etwas zu lockern.
Es stellt sich hier die Frage nach der Legitimation. Kann der Papst einfach das Kirchenrecht oder gar den Glauben ändern? Was ist, wenn er den Worten der Bibel widerspricht?
Franziskus hat in seiner Schrift "Amoris Laetitia" (über die Liebe in der Familie) eine Fußnote angefügt, in der er meinte, dass es in gut begründeten Einzelfällen dem örtlichen Priester gestattet sein sollte, nach seinem Dafürhalten auch "wiederverheiratete Geschiedene" zum Gottesdienst (zu den Sakramenten) zuzulassen. Dies ist ein sehr grober Bruch des Kirchenrechts.
Seitdem wurde Franziskus offiziell und öffentlich aufgefordert, diese Irrlehre zu widerrufen. Dazu gibt es ein amtliches Prozedere, vergleichbar mit einer Abmahnung. Aber Franziskus hat auf diese Vorgänge nicht reagiert.
Zudem hat Franziskus angedeutet, dass am Ende alle Menschen in den Himmel kommen werden (womöglich über den Umweg des Fegefeuers), sofern sie sich bemühen -- also auch Hindus oder sogar Atheisten, wenn sie sich bemühen, ein gutes Leben zu führen. Denn warum sollte jemand wie Gandhi in der ewigen (!) Hölle landen? Etwas Fegefeuer wird wohl ausreichen. Aber auch das ist ein klarer Verstoß gegen Lehren, die eindeutig in der Bibel überliefert wurden.
Kardinal Müller steht mit seiner Kritik nicht alleine, gerade in diesem Punkt. Papst Benedikt hat sich in praktisch allen seinen Reden während seines Deutschland-Besuchs "gegen den Relativismus" gewandt. Damit meinte er, dass man die Klarheit und die Härte des Glaubens nicht verwässern dürfe. Zu diesen Härten gehört es, dass am Ende eben nicht alle in den Himmel kommen. Und das müsse man den Leuten auch klipp und klar sagen, auch wenn das hart ist.
4. Was folgt aus all dem?
Papst Franziskus hat nach Ansicht vieler Katholiken seine Legitimation verloren und wird der Irrlehre geziehen. Das mag klingen wie eine wirre Verschwörungstheorie von einigen wenigen Spinnern. Aber das ist nicht der Fall. Unter den "aktiven Katholiken" (jenen, die sich überhaupt darum kümmern), dürfte es die Mehrheitsmeinung darstellen. Ein Blick auf kath.net belegt das. Dort tobt ein Sturm der Entrüstung.
Kardinal Müller zählt deswegen auf, was eine legitime Kirchenführung beachten muss, und warum sie nicht einfach tun kann, was sie möchte:
- Die Heirat von Geschiedenen bleibt daher auf ewig verboten, ebenso die Frauen-Ordination (Frauen als Priester).
- Es gibt eine ewige Hölle, in der keine Vergebung möglich ist. Eine Vergebung ist nicht möglich, wenn der rechte Glaube nicht angenommen wurde oder wenn gegen den Heiligen Geist gelästert wurde.
- Die Kirche darf sich nicht dem Zeitgeist oder aktuellen ethischen Strömungen beugen, sondern muss auf der Lehre bestehen, so wie sie in den Büchern und im Katechismus steht. Alles andere ist nicht legitim und führt die Anhänger schnurstracks in die Hölle. Dies bezieht sich auf Ehe, Eheleben, Sexualität, Homosexualität und andere Dinge, die heute allgemein anders bewertet werden als im Mittelalter.
- Es bleibt allein der Kirche gestattet und vorbehalten, den rechten Glauben festzulegen, und sie kann das nur im Einklang mit den Schriften tun. Weder dem Papst noch dem einzelnen Gläubigen steht dieses Recht zu. Diese unumstößliche Regel ist auch im Katechismus festgeschrieben.
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