Hallo Anja, erstmal danke für das ausführliche Posting, das Deine Gedanken gut und nachvollziehbar darstellt.
Zitat:
Zitat von Anja
Reformatoren... Abspaltungen... Synode... Gremium... von innen heraus... Modernisierung... Revolution... eine dritte Gruppe... Retraditionalisierung... Zusammenwirken von diversen Kräften
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Ich habe mal ein paar Stichpunkte aus Deinem Posting ausgewählt, um einen bestimmten Punkt zu illustrieren. Dieses ganze Kirchenlatein, diese Gremien, die Hierarchien, die Beschlüsse, deren Begründungen: Ich bin mir nicht sicher, ob die Kirchen merken, dass sie sich nur mit sich selbst beschäftigen. Das wird in Zukunft wohl noch zunehmen.
Die Idee, es käme in irgendeiner Stadt eine "Synode" zusammen und würde über die moralische Bedeutung von Masturbation oder die Legitimität von Paaren ohne Trauschein beraten, um anschließend der erwartungsfrohen Öffentlichkeit ein heiß erwartetes Ergebnis zu präsentieren, ist nach meiner Meinung nicht realistisch.
In Deinem Posting bemerke ich Interesse, Kenntnis und Lust zum Aufbruch. Womöglich hoffen viele Gläubige oder Sympathisanten (wie Du) auf eine gelungene Reformation, und dass alles gut wird. Aber die Öffentlichkeit, die das noch interessieren könnte, ist in fünf oder zehn Jahren nicht mehr vorhanden, jedenfalls nicht in signifikanter Größe.
Was soll daraus folgen, wenn irgendein kirchlicher Würdenträger vor die Kameras tritt und verkündet:
"Ja, also, äh, das mit der Masturbation. Genau. *blätter* Ah ja, hier auf Seite 12. *fummel* Da haben wir's. Da steht's. Das haben wir uns für die Zukunft nämlich folgendermaßen vorgestellt."
Es geht auch gar nicht darum,
was beschlossen wird. Sondern die jüngere Bevölkerung wird allein die Idee, jemand würde irgendwelche Vorschriften machen, rundweg ablehnen. "Ablehnung" ist vielleicht das falsche Wort, denn es impliziert, dass darüber nachgedacht wurde. Die jüngere Generation wird aber noch nicht einmal darüber nachdenken.
Die Kirchen orientieren sich womöglich neu, aber die Gesellschaft ist bereits orientiert. Die Kirchen sehen das genau andersherum, als müssten sie eine Orientierung geben, aber sie irren sich.
Die Gesellschaft ist dabei keineswegs moralisch desinteressiert: Die Fragen der Alltagsmoral werden
jeden Tag abgewogen und ausgelotet, in den Nachrichten, in TV-Serien, in Facebook-Postings und deren Kommentaren. Plötzlich entsteht die Flüchtlingskrise und wirft neue Fragen auf. Am nächsten Tag kommen die Veganer und tragen beachtliche Argumente vor. Dann wird die Ethik unseres Welthandels infrage gestellt, und ob man FairTrade-Kaffee kaufen sollte. Dann muss man sich eine Meinung bilden, ob Kopftücher erlaubt sind.
Eine kirchliche Synode, die alle 60 Jahre zusammenkommt und irgendein Ergebnis auf Latein verkündet, ist überflüssig. Mehr noch, es ist nicht leistungsfähig genug. Die Kirchen machen das nicht für die Gesellschaft, sondern für sich selbst. Die Idee, eine verbindliche Moral zentralistisch festzulegen, ist längst vorbei. Wir haben inzwischen viel bessere Methoden gefunden.