Arnes Posting zeigt die Spannweite der Frage. Jesus spricht von der Rettung des Einzelnen, also einem recht kleinen Rahmen. Unsere Kenntnisse über die Natur zeigen uns jedoch einen sehr großen Rahmen, in dem sogar die gesamte Menschheit bedeutungslos scheint.
Welcher Rahmen ist nun der richtige? Und woher will man das wissen?
Nehmen wir an, wir kämen zur Einsicht, dass wir diese Frage nicht beantworten können. Das würde aber nicht bedeuten, dass der Sinn nicht existiert, sondern nur, dass wir ihn nicht kennen. Das ist vermutlich die Haltung vieler Gläubiger.
Aber auch wenn wir den Sinn nicht kennen und vielleicht nie kennen werden, kann man trotzdem darüber nachdenken, welcher Sinn uns
prinzipiell einleuchten und zufriedenstellen würde, unabhängig davon, ob wir einen Beweis haben. Ist es
prinzipiell möglich, einen Sinn zu erfinden, der uns zufriedenstellen würde?
Hier ist also meine Frage an die Gläubigen:
Welcher Sinn wäre dergestalt, dass er uns zumindest theoretisch zufriedenstellen würde? Ich frage nicht nach Beweisen (an dieser Stelle). Sondern ich frage nach einem absichtlich erfundenen Sinn, der so beschaffen ist, dass er uns zufrieden stellt.
- Nehmen wir an, jemand antwortet: „Naja, für mich bestünde der Sinn eher im Kleinen, vermutlich in ewiger Glückseligkeit für mich persönlich und meine Liebsten“. Würden wir uns damit zufrieden geben, angesichts der Größe des Weltalls und dem vielen Leid auf der Welt? Warum Hungersnöte, Krankheiten, Kriege? Warum musste man eine Hölle schaffen, um einen Himmel zu bekommen? Kann man das Leid der Vielen rechtfertigen mit dem Glück der Wenigen? Fänden wir das gerecht und vollkommen?
- Nehmen wir an, jemand antwortet: „Für mich bestünde der Sinn in etwas Großem und Erhabenen, etwas, was unsere Dimension und unsere Vorstellung übersteigt“. Würden wir dies als Erklärung dafür akzeptieren, dass die eigene Großmutter nur noch mit Morphium die Schmerzen der Gicht ertrug? Dass unsere Kinder bei Unfällen verletzt wurden oder starben? Oder würden wir sagen: „Lass‘ doch meine Oma in Ruhe, wem nützen denn ihre Schmerzen? Der Kosmos soll sich gefälligst um sich selbst kümmern, besten Dank!“.
Keine der beiden Antworten, die "Große" wie die "Kleine", ist völlig befriedigend. Warum? Macht unsere
Kenntnis des Großen die Hoffnung zunichte, der Sinn könne sich auf das Kleine beziehen? Und macht unsere
Hoffnung auf das Kleine nicht die Erklärung des Großen unmöglich?
Hier ist noch eine weitere Antwort, die den Unterschied zwischen Klein und Groß geschickt umgeht (es ist die Version des kath. Katechismus):
- Gott könnte uns sagen: „Ich hab‘s zu meinem Vergnügen getan“. Würden wir das akzeptieren? Rechtfertigt es unser Leid? Würden wir nicht kategorisch einfordern, dass der Sinn etwas mit uns zu tun haben muss? Haben wir nicht Anspruch darauf, dass unser Leid mit einem Sinn für uns abgegolten wird? Wäre es nicht geradezu obszön, wenn Gott mit seinem eigenen Vergnügen argumentierte?
Alle genannten Antworten offenbaren Widersprüche. Ist es daher womöglich zutreffend, dass wir weder im Kleinen (Jesus) noch im Großen (Wissenschaft) einen Sinn finden können, und zwar nicht, weil wir ihn nicht gefunden hätten, sondern weil er prinzipiell undenkbar ist?