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Kommentar ser SZ von heute:
Radprofi Linus Gerdemann ist 25,
kommende Saison möchte er, bei seiner
zweiten Teilnahme, die Tour de
France mal forsch auf Gesamtwertung
fahren. Gerdemann hat ja vorige
Woche die Deutschland-Tour gewonnen
und sich währenddessen dafür
eingesetzt, man möge doch dem
Radsport eine Chance geben. Vieles
habe sich zum Besseren entwickelt,
hat Gerdemann gesagt.
Vier Tage später erklärt ein gewisser
Lance Armstrong seinen Vorruhestand
für beendet. Sie werden also alle
neben dem jungen Deutschen am
Start stehen: Armstrong, dann 37,
der stets etwas cleverer gewesen ist;
vor allem cleverer als die Kontrolleure.
Außerdem Ivan Basso, der 2006 –
im Jahr nach Armstrongs Rücktritt –
als Fuentes-Kunde enttarnt wurde;
und Alberto Contador, der gleichfalls
enttarnte, aber nicht belangte
Klient des spanischen Blutdoktors.
Womöglich findet sich ja noch irgendwo
ein Tour-Plätzchen für Tyler
Hamilton, Oscar Sevilla oder Santiago
Botero. Auch sie wurden trotz
jener Blutdienste, die sie bei Fuentes
in Anspruch nahmen, bis heute nicht
zur Verantwortung gezogen. Die
drei fahren übrigens gerade munter
bei der Großbritannien-Rundfahrt
mit. Und mal ehrlich, könnte nicht
Jan Ullrich ausnahmsweise seine
Hobbys (Kinder, Weinkeller)
Hobbys sein lassen und 2009 tapfer
Platz zwei in Frankreich anstreben?
Woer doch „niemals jemanden betrogen“
habe und sowieso „rehabilitiert“
sei, wie kürzlich imPrivatfernsehen
der Hobby-Interviewer Boris
Becker mit denkwürdiger Ahnungslosigkeit
behauptete?
Doch, doch, sie sollen ruhig alle
fahren. Die Quoten des Fernsehens
werden bestimmt ausnahmsweise in
die Höhe schnellen. Und nur darum
geht es ja heute in diesem Sport: um
das Geschäft. Die Strippenzieher
sind längst wieder vernetzt wie zu
besten Zeiten. Auch die Tour, wo sie
im Juli noch vom Neuanfang faselten,
weil sie allmählich doch um ihren
Ruf fürchteten. Vielleicht fährt
Armstrong mit 37 Jahren nichtmehr
hochgedopt durch ihre Alpen und Pyrenäen.
Doch so lange der Radsport
nicht bereit ist, mit aller Konsequenz
einen Schlussstrich unter seine
Vergangenheit zu ziehen, ist seine
Glaubwürdigkeit so groß wie Boris
Beckers Reputation als Journalist.
Anstatt den Mister aus Texas mit
jener Ablehnung zu empfangen, die
er verdient, legt sich ihm das Peloton
schon wieder ergeben zu Füßen.
Aber Zivilcourage, das lehrt die jüngere
wie die ältere Vergangenheit, ist
in diesem Metier nicht gefragt. Armstrong
ist überall willkommen. Weil
sehr vieles beim Alten geblieben ist.
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