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Szenekenner
Registriert seit: 16.10.2006
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[quote=dude;122304
Wie weit sollte man aber dabei gehen? Ist es fuer den groesstmoeglichen Erfolg nicht wichtiger, einen muendigen Athleten zu fuehren, der sich im Idealfall selbst trainiert und nur noch Ruecksprache mit seinem Trainer fuehrt? Ich halte Koerpergefuehl fuer erlernbar und fuer langfristigen Erfolg unabdingbar.
Fast genau das versuche ich aber zu erreichen. „Fast“, weil die Vorbereitung/Trainingsplanung immerhin am Vortag beginnt. Das Ziel besteht dann darin, die Koerpersignale richtig zu interpretieren. Leider sind Kopf und falscher Ehrgeiz dabei noch mindestens einmal woechentlich im Weg. Bis zur AK80 will ich das aber im Griff haben.
Zunaechst: warum ist es dann schon gut?
Und dann: woran siehst Du, ob gerade Dein System Erfolg hat?
Ich bin ueberzeugt davon, dass ich Ausdauersportler trainiert habe, die nicht wegen sondern trotz meines Trainings Erfolg hatten. Natuerlich mag die von mir erhaltene emotionale Unterstuetzung ganz gleich wie das Training per se schlussendlich ausgestaltet war, den Erfolg gebracht haben. Denn Training an sich ist ja etwas selten banales, insbesondere im (quasi) technikfreien Ausdauersport, geht es dort doch nur darum, den Koerper trotz sich wiederholender Uebungen zu reizen ohne ihn zu ueberfordern. Wie soll ich das als Trainer bei meinem Schuetzling von aussen erkennen? Mit einer CK-Wert-Messung kann ich retrospektiv physiologische Rueckschluesse ziehen, doch wird dabei die emotionale Bereitschaft voellig ausser Acht gelassen.
Ich trainiere einen Sportler, der ist gefuehlsbewegt wie eine geschlechtsreife, postpubertaere Frau und zusaetzlich mit einem umfangreichen Plappergen ausgestaltet. Er beschreibt mir umfangreichst sein Empfinden waehrend und nach dem Training. So jemand ist optimal trainierbar, wenn er Dir zudem noch aus der Hand frisst! Aber wirtschaftlich rentabel im Sinne eines attraktiven Stundenlohns ist das nicht.
Waehrenddessen ist sich die Mehrheit der (maennlichen?) Ausdauersportler meist selbst im Weg. Trainingseinheiten beruehren das Ego, da will man keine Schwaeche zeigen, sondern verschweigt dem Trainer lieber die Muedigkeit.
Ein unglaublich schwieriges Thema. Wann werfe ich aus wirtschaftlichen Gruenden meine Prinzipien ueber Bord? Die mir bekannten „grossen“ Trainer verfolgen da meist eine gesplittete Strategie. Auf der einen Seite haben sie eine geldbringende Masse an Athleten, die mit massentauglichen Programmen versorgt wird. Auf der anderen Seite stehen 2-3 Athleten, denen sie sich umfassend widmen und deren sportlicher Erfolg nur als Investment im Hinblick auf die Akquise neuer Sportler dient, da der hiermit verbundene zeitliche Aufwand vom Sportler nicht bezahlbar ist (zumindest im Mainstreamausdauersport a la Leichtathletik oder Triathlon).
Ein guter Punkt. Noakes wuerde wahrscheinlich argumentieren, dass kein System perfekt ist und auch das Hirn in Extremsituationen versagt, sprich die Energie fehlkalkuliert wurde. Gerade Hawaii ist doch das Paradebeispiel. PNF trainert 300+ Tage im Jahr im trocken-warmen Kalifornien (resp. Boulder) und nach 10-14 Tagen Akklimatisierung soll das Hirn eine Grenzbelastung im Extremklima korrekt erfassen, waehrend eine vollumfaengliche Anpassung des Koerpers an ein neues Klima 8-10 Jahre benoetigt?
Noakes ist zudem auch der Ansicht, dass gerade aufgrund der Hirndominanz Psychopharmaka so effektiv sind. Und diese Hebeln den natuerlichen Schutzmechanismus eben aus. Inwieweit das jetzt im Falle von PNF zutrifft, lasse ich hier mal offen.
Ich hab’ mehr Angst um mein Notebook. Komme mir vor wie ein Student, der in den Semesterferien erstmalig in einem Luxuscafe arbeitet und ein Tablett mit fuenf Martinis einarmig in Kopfhoehe jonglieren muss, waehrend am Boden die Schosshuendchen (im Schwaebischen mit dem eindeutigen Begriff „Fotzeschleckerle“ bedacht, nur um diese Faekalpointe dem bis hierher geschundenen Leser zukommen zu lassen) der alternden Botox-Millionaersgattinnen um die Tische wuseln.
Gruss vom hundefreien Balkon
dude[/QUOTE]
Hallo dude,
ich hoffe du und dein Notebook leben noch. Und die Schadensersatzklage, wenn so ein "Fotzenschleckerle" von deinem Thinkpad erschlagen wird dürfte auch nicht ohne sein.
Zu deinen oben geschriebenen Ansicht ist nicht viel hinzuzufügen.
Jeder, der als Trainer langfristig mit Menschen zusammenarbeitet, dürfte sich schon ähnliches gedacht haben. Ich wache jeden Morgen neben einem Menschen auf, der Leistungssport seit Kindheit an betreibt. ich versuche seit Jahren, diesem "Planerfüller" zu mehr Selbstständigkeit und Bauchtraining zu bringen, ohne Erfolg. Also versuche ich mich immer mehr in ihre Situation zu versetzen und verliere aber dabei den nötigen Abstand um klare Entscheidungen zu treffen. Ein Teufelskreis, den ich eigentlich klar überreiße, aber in den ich immer wieder gezogen werden.
Zu den Erfolgen der Sportler gehe ich immer von den gemeinsam festgelegten Zielen aus. Werden die erreicht, dann war der Plan und die Zusammenarbeit gut. Vielleicht wäre der Sportler mit einem anderen Konzept noch ein wenig schneller gewesen, aber das steht ja nicht zur Diskussion.
Ich habe übrigens auch so einen Sportler, der vor seinem ersten Ironman seht. Schreibt mir jede Woche sein Befinden usw., ruft mich an, aber schreibt erst meiner Freundin, ob es normal ist, das man vor dem IM über mehrere Wochen so elendig müde und matt ist.
Das mit dem Körpergefühl beibringen ist ein echtes Problem, denn ich habe selbst alle Stufen des Schwachsinns im Ausdauersport durchgemacht und habe bei diesen Auswüchsen das Gesundheitssystem über Gebühr beansprucht. Wenn du jung, ehrgeizig und unerfahren bist, bist du mittendrin statt nur dabei. Ich hatte mir für meine Anfänge ein Buch über Triathlon gekauft und das war das Standardwerk von Aschwer. Ich habe den Plan IM in 9:30 ausgesucht und habe ohne jegliche Grundlage mit dem Training begonnen. Es gab keine Warnung, daß die Sache problematisch für Anfänger werden könnte, nur der Hinweis, das man sich auf 15 Std. im Wochenschnitt einstellen solle. Alles, was danach an Schmerzen und Problemen kam, war für mich in der Kategorie: "Das muss so sein, das geht allen so", abgelegt. So konnte sich kein Körpergefühl entwickeln, obwohl ich vorher Leistungssport in einer allerdings anderen Richtung betrieben habe. Hätte es damals einen Trainer gehabt, wäre einiges anders gelaufen.
Momentan hat man es als kommerzieller Trainer hauptsächlich mit Quereinsteigern zu tun, die ähnlich wie ich damals denken.
All diesen Leuten das nötige Körpergefühl zu vermitteln, ist äußerst schwierig. Die meisten schaffen es nicht einmal, beim Kraularmzug die Hand 10 mal hintereinander anders einzutauchen. Also schreibe ich ein Programm, das sie dazu zwingt, das zu tun, ohne das ich es vordergründig erkläre. Wenn dann nach einiger Zeit eine Besserung eintritt, ist das Ziel erreicht, ohne das ich das Körpergefühl verbessert habe.
Das mit den großen Trainern und der wirtschaftlichen Strategie kann man ja gerade an Brett Sutton verfolgen. Er trainiert eine Hand voll Profis und peppt jetzt ein Online-Coaching-Programm mit seinem Namen auf. Aber ich bin nicht Brett Sutton und werde wahrscheinlich auch keiner. (Eigentlich ganz bestimmt nicht)
Gruß
Jürgen
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