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Los geht's!
Heute endet das allgemeine Vorbereitungstraining und der erste große Ausdauerblock auf dem Weg nach Roth beginnt. Leider muss ich feststellen, dass zusammen mit meinem Körper auch meine Motivation in die Jahre gekommen ist. Bei meinen ersten Langdistanzen waren mir die ersten Vorbereitungswochen stets als spannende, unwiderstehliche Herausforderung erschienen, als gewaltiges Abenteuer, ein grandioses Spielfeld der sportlichen und charakterlichen Bewährung.
Jetzt ist nicht mehr viel davon übrig, Routine hat sich über die Jahre eingeschlichen, die ganz große Herausforderung als steter Fixstern meiner Gedanken ist verblasst. Finishen in irgendeiner Zeit – das gelingt mir nach all den Jahren Ausdauertraining auf jeden Fall, wenn ich gesund bleibe. Von diesem Minimalziel geht kaum noch ein Reiz für mich aus, der mich im Trainingsalltag durchhalten lässt. Die Hatz nach einer neuen Bestzeit ist andererseits auch vorbei. Zu viele private und berufliche Verpflichtungen fordern ihren Tribut. Nur schwer und mit schlechtem Gewissen schleiche ich mich immer wieder aus dem Alltag und mache "mein Ding".
Mein Ding – diese Formulierung klingt etwas egoistisch. Sie ist es auch. Hand auf's Herz: Wir sind nicht nur körperlich außergewöhnlich gut trainiert, sondern über die Jahre und Jahrzehnte auch topfit in den Kerndisziplinen Selbstmotivation, Zeitmanagement und Trotzdemtrainieren. Trotzdemtrainieren: Trotz Unlust, trotz schlechten Wetters, trotz Müdigkeit, aber manchmal auch trotz und unter Vernachlässigung von Freunden, Beruf, Familie und persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Egoismus gegenüber anderen und perverserweise auch gegen sich selbst gehört zwangsläufig zu der extremen Herausforderung einer besonderen sportlichen Leistung dazu, wie der Rauch zum Feuer.
Kurz: Es gibt gute Gründe, die (zumindest in bestimmten Lebensphasen) gegen großen sportlichen Ehrgeiz im Triathlon sprechen. Diesen zu reduzieren und sich mit kleineren Zielen zufrieden zu geben um es nicht ganz sein zu lassen, das steht mir langsam bevor. Hut ab vor allen Athleten, die es bereits geschafft haben. Die ihren sportlichen Einsatz bewusst begrenzen und damit zwangsläufig und gewollt unter den Leistungen früherer Jahre bleiben – und dennoch Spaß am Finish haben. So ändern sich die Zeiten! Früher habe ich mit leicht herablassendem Großmut die Leute beklatscht, die Stunden nach mir ins Ziel kamen. Heute empfinde ich die 12- und 13-Stunden Finisher als coole Truppe, als Vorbilder, die etwas können, was mir schwerer fällt als jeder Ironman: Sie haben die Fähigkeit zum Kompromiss, zur bewussten Dosierung ihres Einsatzes, zur Zufriedenheit mit dem Erreichten. Mehr noch: Sie haben die Fähigkeit zum echten, inneren Finish, während ich nie wirklich angekommen bin.
Einmal mindestens muss ich noch nach Roth. Wenn meine triathletische Lebensphase langsam zu Ende geht, wenn "es" vorbei ist, will ich das in Roth erfahren und begreifen. Wo mir früher ein ehrgeiziges sportliches Ziel wie das Erklimmen einer Bergspitze erschien, bin ich dieses Jahr auf dem umgekehrten Weg: Ich renne ins Tal, raus aus dem Gebirge, ich will unten ankommen und beim Blick zurück einen gewaltigen Berg sehen. Und mich verabschieden.
Viele Grüße,
Klugschnacker
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