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Alt 10.12.2012, 11:12   #44
Bodhi47
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Registriert seit: 25.10.2008
Beiträge: 616
Anekdoten aus längst vergangenen Tagen....

Juli 2009…..Ich stehe am Karlsfelder See. Der kalte Wind, der mir ins Gesicht weht verpasst mir eine Gänsehaut. Das Termometer sagt es hat knapp 17°C, für mich gefühlt sind es 10. Mir ist richtig kalt. Hinzu kommt eine innerliche Nervosität die mich zittern lässt. Unvorstellbar, dass es Ende Juli ist, Hochsommer….eigentlich.
Es ist der Morgen meines ersten "richtigen" Triathlons in freiem Gewässer, der Karlsfelder Triathlon. Ich blicke auf den See und sehe den anderen Athleten zu wie sie sich warm schwimmen. Andere stehen am Ufer, unterhalten sich, lachen. Ich kann nicht lachen. Mir ist so dermaßen kalt, dass ich mir kaum vorstellen kann gleich meinen ersten Freiwassertriathlon zu absolvieren. Doch gleichzeitig mischt sich Optimismus dazwischen. Meine Triathlon Premiere habe ich im April erfolgreich beim MRRC Stadttriathlon absolviert. Vor allem das Schwimmen lief richtig gut. Daher machte ich mir positive Gedanken soweit es ging.
Als ich so zum Ufer runter sah versuchte ich mich mental aufzuraffen. Doch die Tatsache, dass die Jungs und Mädels da unten alle warme schwarze Anzüge anhaben, drückt meine Stimmung.
Es wird Zeit, warm schwimmen. Als ich nur im Zweiteiler bekleidet das Wasser betrat konnte ich regelrecht jeden Muskel spüren wie er sich zusammenzog. "Das wird ein super Tag!". Ich kraulte los und versuchte irgendwie die Kälte zu vergessen. 16°C kaltes Wasser…17°C Außentemperatur.
Nach 5 Minuten stieg ich aus dem Wasser, ich zitterte, mir war so kalt wie schon lange nicht mehr. Total ausgekühlt und zitternd betrat ich den Startbereich. Jetzt gilt's, jetzt zieh das durch! Die letzten zwei Minuten bis zum Start. Mein Kopf sinkt nach unten und ich schließe die Augen. Ich konzentriere mich auf das was vor mir steht. Für einen Moment vergesse ich den Trubel um mich rum. Eine Angewohnheit die seit diesem Tage bis heute anhält. Noch eine Minute…
Und dann ist es soweit, der Startschuß. Ich laufe ins Wasser, hechte hinein und beginn zu kraulen. Das Wasser fühlt sich an wie tausend Nadelstiche. Noch nie habe ich so etwas gespürt. Doch ich versuche mich auf das Schwimmen zu konzentrieren. Und so langsam komme ich einigermaßen rein. Vorbei an der Wendeboje der Sprintdistanz halte ich Kurs auf die Wendeboje der Kurzdistanzler. 600m sind geschafft. Doch ich werde nicht warm…ganz im Gegenteil. Ich habe das Gefühl immer weiter auszukühlen. Meine Arme werden schwer, unbeweglich, meine Füße spür ich nicht mehr. In dem kalten Wasser fällt mir das Atmen schwer, ein Relikt aus der asthmatischen Kindheit. Und dann holt mich unerwartet, ohne Vorwarnung, eine alte Kindheitsangst ein, mit der ich seit gut 12 Jahren nicht mehr gerechnet habe. In dem kalten, glasklaren Wasser tauchen plötzlich unter mir Pflanzen auf. Der See ist nicht tief! Ich kann einen riesigen Felsen am Boden erkennen, dazwischen Pflanzen. Und sie werden schlimmer, fast gehen sie bis an die Oberfläche. Ich bekomme Panik. Ich breche das Kraulen ab. Schwimme Brust und trau mich nicht den Kopf ins Wasser zu halten. Zu groß ist die Angst vor den Pflanzen. Eigentlich sehen sie aus wie kahle Stängel mit vereinzelten Blättern, also nicht mal die ekelhaften schleimigen Algen. Doch das war mir zu dem Zeitpunkt egal.
Nach ca. 1000m waren sie weg. Ich versuchte immer wieder zu kraulen, doch meine Arme waren so steif, dass ich kaum mehr kraulen konnte. Auf dem Rad später werde ich mich darüber ärgern, als guter Schwimmer so unterirdisch durchs Wasser zu treiben. Doch in diesem Moment war ich einfach nur am Ende. Mehrmals überlegte ich mir ob ich mich lieber von der Wasserwacht aus dem Wasser ziehen lassen sollte bevor sie mich vom Grund holen müssen. Doch dann hörte ich direkt rechts hinter mir eine Frau um Hilfe rufen. Ich blieb im Wasser stehen und blickte zurück. Da sah ich die Frau, sie hatte auch keinen Neo an und litt offensichtlich auch unter der Kälte. Sie hob immer wieder den Arm und rief Hilfe. Obwohl ich bereits selbst maßlos unterkühlt war entschloss ich mich zu ihr zu schwimmen. Kurz bevor ich sie erreicht hatte, hörte ich das Boot der Wasserwacht an mir vorbeifahren. Sie zogen die stark zitternde Frau aus dem Wasser. Kurz überlegte ich ob ich mich ihr anschließen sollte. Doch ich entschloss mich dagegen. Plötzlich entwickelte ich aus dem Nichts heraus einen Kampfgeist, wie ich ihn später immer wieder erleben sollte. Den Kampfgeist eines Triathleten. Ich weiß nicht warum, aber genau in diesem Moment erkannte ich worauf es im Triathlon ankommt. Ich erkannte die Notwendigkeit, das Hirn ausschalten zu können, nicht nachzudenken, die Zähne zusammen zubeißen und zu kämpfen. Und so kraulte ich die letzten 400m zurück an Land.
Als ich nach 31 Minuten endlich aus dem Wasser stieg, war ich am Ende. Meine Oberschenkel waren durchzogen von Kältekrämpfen, meine Hände konnte ich kaum bewegen, die Füße waren nicht da. Meine Familie erzählte mir später wie schlecht ich aussah und dass sie regelrecht schockiert waren. Meine Mutter traf das hart. Ihren Sohn in einem so schlechten Zustand zu sehen, war schwer für sie zu akzeptieren.
Am Rad angekommen versuchte ich ein Radtrikot über zuziehen, was angesichts des nassen Tritops nicht gerade sinnvoll war. Raus aus der Wechselzone. Meine Schuhe zog ich, wie es sich gehört, erst auf dem Rad an. Ohne Gefühl in den Füßen und verkrampften Händen gar nicht so einfach.
Nach ein paar Seitenstraßen ging es raus auf die Bundesstraße. Wendepunktstrecke, zwei Runden. Der kalte Wind verbesserte meinen Zustand nicht wirklich. Meine Füße begannen zu schmerzen, mein Gesicht war eiskalt. Irgendwann wollte ich was trinken. Meine Hände hielten so verkrampft den Lenker fest, dass ich sie beinahe nicht weggebracht hätte. Wie soll das nur weitergehen?
Doch der Wetterbericht hatte ausnahmsweise recht. Mittag sollte es langsam aufhellen und langsam die Sonne rauskommen. Göttlich fühlten sich die ersten Sonnenstrahlen an. Gepaart mit der Körperlichen Anstrengung begann ich schritt für schritt aufzutauen. Nach ca. 30 km von 48 war es dann soweit, mir war warm, ich kam auf Touren. Ich entschloß mich ordentlich in die Pedale zu treten um irgendwie auf Temperatur zukommen, damit ich wenigstens nen halbwegs vernünftigen lauf hinlegen zu können.
Nach 1:35 Std auf dem Rad erreichte ich T2. Der Wechsel ging schnell über die Bühne. Ich lief los und fühlte mich endlich gut. Der Lauf lief sehr gut und ohne große Schwierigkeiten ab. Ich konnte konstant und gleichmäßig laufen. Und als kleines Zuckerl überholte ich bei Kilometer 5 meinen Bruder :-P
Nach 2:58 Std erreichte ich das Ziel meiner ersten olympischen Distanz. Sehr emotional war das Finish. Damals lernte ich, dass der Zielleinlauf umso emotionaler wird, je schlechter es einem im Rennen geht.

Alles in allem waren es wertvolle Erfahrungen die ich bereits in meinem ersten Freiwasser Triathlon sammeln konnte. Doch ich stand auch vor schwerwiegenden Problemen. Diese panische Angst vor den Pflanzen sollte mich ein ganzes Jahr beschäftigen…
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Rule 72 // Legs speak louder than words.
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