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Kontaktstreifen fürs Alter
Grundsätzlich bin ich Medizinern gegenüber ja offen und positiv eingestellt. Sonst würde ich die ja auch nicht mehr besuchen. Und so habe ich mich für eine Orthopädin entschieden, die ich einmal anlässlich des Frankfurt Marathons an einem lebenden Laufobjekt habe arbeiten sehen und deren entschlossene Handgriffe mir vertrauenswürdig erschienen. Außerdem ist die Frau gebürtige Hamburgerin, was mir sympathisch ist, da ich dann weiß, dass ich sie akkustisch verstehe. Wer als Norddeutscher zum Beispiel schon einmal einen schwäbischen Arzt konsultiert hat, weiß, was ich meine: Erstens versteht man die nicht. Die können ja bekanntlich alles außer Hochdeutsch. Und zweitens ist der Norddeutsche an sich auch manchmal ein bisschen ironisch. Da versteht der Schwabe dann erst die Übersetzung. Wenn überhaupt.
Aber zurück zur Medizin. Frau Doktor macht einen guten Job, habe ich den Eindruck. Allerdings verpasst sie mir zum Abschluss der Behandlung noch ein K-Tape. Nach energetischem Farbtest habe ich die Wahl zwischen blau und pink. Für meinen Geschmack ein bisschen viel Hokuspokus, aber was soll, wenn´s denn der Wahrheitsfindung dient. Außerdem ist mein Leidensdruck hoch und ich will nichts unversucht lassen, die Zipperlein in neuer Bestzeit in den Griff zu bekommen. Andere in meinem Alter tragen ihr Geld zum Friseur und zur Kosmetikerin. Da gebe ich es eben für temporäres Body-Taping aus.
Der Effekt übertrifft dann auch wirklich alles. Während ich bei den ersten Fragen wie "Was hast du denn gemacht?" von Freunden und Bekannten oder auch einem "Entschuldigen Sie, darf ich Sie ´mal fragen, was Sie da haben?" von völlig Fremden im ersten Moment gar nicht weiß, was die meinen, gewöhne ich mich langsam an das große Interesse meiner Umwelt an meinem Körper. Ab der x-ten Ansprache drehe ich die Innenseite meines linken Beines kommentarlos nach vorn, wir gucken auf meine blau bestrapste Wade und ich erzähle das, was ich verstanden habe. Also nicht viel. Standardmäßig schließe ich meinen kleinen Vortrag mit "Man muss natürlich dran glauben."
Vermutlich hätte ich das Zeug in den letzten Tagen gleich meterweise verkaufen können. Wer weiß das schon.
Fazit: Ich bin es ja gewohnt, dass mich fremde Leute grüßen oder auch ab und zu ansprechen. Das ist bei mir genetisch. Meine Mutter hat das auch, wenn auch viel ausgeprägter. Dass bunte Streifen auf der Wade allerdings dafür sorgen können, dass ich mir vorkomme wie auf einer Kontaktbörse, ist mir neu. Wer also Angst davor hat, im Alter einsam und allein zu sein, dem kann ich die bunten Bänder nur wärmstens empfehlen. Insbesondere für Singles dürften die Streifen hervorragend geeignet sein: Hinaus aus der Anonymität der online-Partnervermittlung, hinein ins richtige Leben. Mit dem farbenfrohen Bändern kein Problem. Einfach ´mal Ausprobieren!
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