|
Ludwig Thoma:
Die Abenteuer des Gymnasiallehrers
(Teil 1 von 5)
In Freising lebte ein Professor,
Der nicht aus Zufall Josef hieß;
Nein, er verdient den Namen besser
Durch alles, was er unterließ.
Ein Philolog' und deutscher Gatte,
Kannt' er die Liebe nur als Pflicht,
Die Zweck zur Volksvermehrung hatte,
Doch keine andern Reize nicht.
Nun hörte er von den Kollegen,
Wie man in München sich ergötzt,
Er war schon im Prinzip dagegen,
Und war im Vorhinein verletzt.
Er suchte gleich in diesen Bildern
Den eigentlichen Wesenskern,
Um sie mit Abscheu dann zu schildern;
Denn alles andre lag ihm fern.
Doch als er sich damit befaßte,
Beschloß er auch, dorthin zu gehn,
Um dieses Treiben, das er haßte,
Sich einmal gründlich anzusehn.
Und so kam Josef an die Stätte,
Wo Bacch- und Venus sich vereint,
Wo unsre Scham – wenn man sie hätte –
Am Grabe unsrer Unschuld weint.
An hundert hochgewölbte Büsten
Umtanzen uns und drängen her,
Und will man hier sich recht entrüsten,
So sieht man dort schon wieder mehr.
Die Sittlichkeit ist hier nur Fabel,
Und jeder merkt, hier weilt sie nie.
Das Auge schweift bis an den Nabel,
Und weiter schweift die Phantasie.
__________________
Das Leben ist ein Zeichnen ohne die Korrekturmöglichkeiten des Radiergummis.
|