gemeinsam zwiften | youtube | forum heute
Trainiere für Deinen Traum.
Triathlon Coaching
Individueller Trainingsplan vom persönlichen Coach
Wissenschaftliches Training
Doppeltes Radtraining: Straße und Rolle mit separaten Programmen
Persönlich: Regelmäßige Video-Termine
Mehr erfahren: Jetzt unverbindlichen Video-Talk buchen!
triathlon-szene.de | Europas aktivstes Triathlon Forum - Einzelnen Beitrag anzeigen - Von Rügen nach Hiddensee!
Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 12.09.2012, 19:23   #945
bellamartha
Szenekenner
 
Benutzerbild von bellamartha
 
Registriert seit: 30.05.2010
Beiträge: 6.167
In die Hölle...

Tag 27
11. August 2012
San Bartolomeo – Zensòn di Piave – Campolongo – Fossalta – Croce – Musile – Caposile – Jesolo – Lido di Jesolo


Nach wenig und eher schlechtem Schlaf und einem ätzend italienischen Frühstück, auf das ich daher weitestgehend verzichte, geht’s um 8 Uhr los. Der Wandertag beginnt, wie der gestrige geendet hatte: Auf Landstraßen. Es wird schnell sehr heiß.

Kurz nach dem Losgehen wählt Marco einen anderen als den beschriebenen Weg: „Eine Abkürzung!“ Ja, eine Abkürzung ist es, aber eine, die in eine Sackgasse führt und uns deshalb zwingt, uns durch einen Zaun auf Bahngleise zu quetschen, die zu überqueren und auf der anderen Seite über einen mit Dornen zugewucherten hohen Zaun zu klettern und ca. zweieinhalb Meter tief auf eine viel befahrene Straße zu springen. Naja, mein Unmut hält sich in Grenzen, weil heute mal wieder 36 km vor uns liegen und es so vielleicht zwei weniger sind.

Was dann folgt, ist die Hölle der bisherigen Wanderung: Es geht hinauf auf den Piave-Damm und dort erst mal schlappe 6-7 km bis nach Zensòn di Piave. Immer geradeaus in der sengenden Sonne, asphaltiert, weil eine Straße entlang läuft. Wie immer im Flachen spüre ich schnell das Gewicht des Rucksackes und schmerzende Stellen an den Füßen. Es ist stinklangweilig und ich rette mich mal wieder mit Andrès iPod, auch um Marcos Gejammer nicht anhören zu müssen, der gerade mal wieder in einem seiner Tiefs ist.
Bei Campolongo erspäht Marco eine kleine Bar, in der wir bei Wassereis und, klar, Cola Pause machen. Danach geht’s wieder auf den verfluchten Damm hinauf, dem wir bis Musile treu bleiben. Die Strecke zieht sich wie Kaugummi!

Nachdem wir durch Musile hindurch sind, geht es wieder heiß und langweilig weiter, diesmal am Alten Piave, auch Sile genannt, entlang. Ich nutze die Gelegenheit mal wieder zu einem Bad im Fluss und wünschte, ich könnte nach Venedig schwimmen!

Als Caposile erreicht ist, sind wird schon fast an der Lagune angekommen. Im Wanderführer ist nun die Rede von 10 km ohne Einkehrmöglichkeit und Schatten, na herzlichen Dank! Marco ist ziemlich fertig, will noch mal pausieren, ich stimme widerwillig zu, aber die Mücken fressen mich sofort auf und ich gehe schon mal weiter. Mal wieder entlang einer Landstraße. Nach Ewigkeiten schließt Marco auf, ich ziehe das Tempo wieder an, Musik in den Ohren, es ist noch weit.

Dann, welch frohe Überraschung, eine kleine Einkehrmöglichkeit am Wegesrand, eigentlich nur eine Art Bauwagen mit ein paar Tischen im Schatten, aber mit eiskalter Cola! Der jammernde Marco entschließt sich nun, ein paar Schmerztabletten zu nehmen und ich muss ihn regelrecht auf die Straße zurück scheuchen. Er hat keinen Bock mehr. Ich auch nicht!

Gleich nach der Rast stoßen wir auf die Lagune. Endlich! Ich freue mich und erreiche wieder etwas besser motiviert den Ortseingang von Jesolo. Marco beschließt, ebenfalls in Lido di Jesolo zu übernachten, er will dort am Strand schlafen. Ich hatte Papa gebeten, mir was in Lido di Jesolo klar zu machen, weil in Jesolo alles voll ist an diesem Tag.

Entlang einer sehr stark befahrenen Landstraße quälen wir uns nach Lido di Jesolo. Und landen mitten in der Vorhölle, wenn nicht in der Hölle! Fußgänger gibt’s hier offenbar nicht, zumindest keine, die von außerhalb in diesen Touristenort kommen, denn wir müssen uns durch eine riesige Baustelle durch die Autos in Richtung Zentrum kämpfen. Wir erreichen den Parkplatz eines Einkaufszentrums und werden dort erst einmal Zeugen eines Überfalls: Deutschen Touristen hat man das Auto aufgebrochen und eine Frau schreit hysterisch immer wieder: „Die haben uns bestohlen!“ Offenbar kamen sie gerade zu ihrem Wagen, als die Diebe am Werk waren, Dann rennen Typen durch das Parkhaus: Dieb und Bestohlener. Dann rast ein Auto los und ich denke erst, dass das der Wagen der Deutschen ist, der nun gestohlen wird. Einer der Urlauber sprintet hinter dem Auto her, die Frau schreit, dass er das lassen soll. Die Diebe verfransen sich auf dem Parkplatz und der Urlauber flippt total aus: Er wirft große Steine auf das Auto der Diebe, die Frontscheibe zersplittert, fette Beulen sind im Blech. Ich denke in dem Moment, dass die hoffentlich keine Waffe dabei haben und jetzt aussteigen und den Typen erschießen. Sie drehen aber und holpern über Absperrungen davon, auf der Straße dann mit quietschenden Reifen. Es ist wie im Film, nur dass das hier Realität ist. Herzlich willkommen in Lido di Jesolo!

Marco ist fix und fertig und verwirft seinen Plan, am Strand zu schlafen. Bei einer Information fragt er nach günstigen Hotels, die es hier aber offenbar nicht gibt. Also beschließen wir, dass er erst mal mit zu meinem Hotel kommt, wo mein Zimmer 50 € kosten soll. Vielleicht wird es zu zweit etwas günstiger. Ich habe eigentlich echt keinen Bock mehr auf Gesellschaft... Ohne Marco und sein Navi hätte ich das Hotel vermutlich erst Stunden später gefunden, denn der Ort ist riesengroß. Und abartig hässlich! Meine Laune wird von Meter zu Meter schlechter. Ich frage mich, was mit Menschen los ist, die freiwillig hier Urlaub machen?

Beim Hotel angekommen klappt es mit dem Doppelzimmer, günstiger wird’s dadurch aber nicht, die verdoppeln den Preis einfach. Das Zimmer ist das Letzte. Lido di Jesolo ist das Letzte! Es ist hässlich, voll und laut, ich könnte kotzen oder heulen. Ich bin so schlecht drauf, dass ich mit einer alten Tradition breche, nämlich der, immer gleich zum Meer zu gehen, wenn ich es erreiche.

Nach dem Duschen habe ich mich soweit beruhigt, dass ich beschließe, das Meer doch noch zu begrüßen.
Das Meer! Es heilt. Es heilt meine Wunden. Obwohl es ganz ruhig und friedlich an den Strand brandet, verschluckt es doch den Lärm der nur ca. 200 m entfernten Hauptstraße fast ganz.
Ich stehe mit den Beinen im Wasser, die grauenhafte Stadt im Rücken, das Meer landet sanft an, das Wasser umschmeichelt meine Waden, ich atme die salzige Luft ein, ich mache die Augen zu und der ganze Stress fällt von mir ab, wird weg gespült vom Meer. Das Wasser ist ganz warm und die Luft frisch. Gänsehaut lässt den Körper prickeln. Einige Blitze zucken durch die Dunkelheit, eben hatte es kurz geregnet.

Wenn ich hinausschaue auf das dunkle Meer, dann kann ich vergessen, dass gleich hinter mir Lido di Jesolo liegt, dieser Alptraum von Stadt, diese Vergewaltigung einer einst schönen Adriaküste.
Das Meer heilt meine traurige Seele. Ich mache die Augen zu und werde ganz ruhig. Fühle mich meerverbunden. Meergeboren. Gut, dass ich hergekommen bin! Ich verspüre Lust, in das dunkle Wasser zu gehen und ein Stück hinaus zu schwimmen, aber ich habe keinen Bikini an. Ich telefoniere mit meinem Bruder, kehre friedlich in das Hotel zurück, wo Marco mir zur Besänftigung Kekse, Schokolade und kalte Cola geholt hat. Bald darauf kann ich dank Ohropax trotz des Lärms rasch einschlafen (es waren heute über 40 km, weil’s von Jesolo aus hierher auch noch mal einige Kilometer waren). Morgen werde ich sehr früh aufbrechen, bevor diese Stadt erwacht.

Die Bilder:
- Der stinklangweilige Weg auf dem Piave-Damm, hier immerhin schon nicht mehr asphaltiert.
- Der Alte Piave (Sile)
- Der erste Blick auf die Lagune. Ich habe es fast geschafft!
- Willkommen im idyllischen Lido di Jesolo!
- Blick aus dem Hotelzimmer. Nach der Schönheit in den Bergen sorgt das für Augenkrebs.
Angehängte Grafiken
Dateityp: jpg CIMG2323.jpg (14,4 KB, 207x aufgerufen)
Dateityp: jpg CIMG2326.jpg (19,0 KB, 208x aufgerufen)
Dateityp: jpg CIMG2333.jpg (25,0 KB, 208x aufgerufen)
Dateityp: jpg CIMG2340.jpg (12,7 KB, 210x aufgerufen)
Dateityp: jpg CIMG2343.jpg (17,0 KB, 207x aufgerufen)
bellamartha ist offline   Mit Zitat antworten