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Ich will mal ganz persönlich erklären, warum mir dieser abschätzige, verurteilende Tone bei eingen Beiträgen im Thread so die Galle hochkommen läßt. Das hat nämlich nicht damit zu tun, das ich als Linker meine Aufgabe auf der Welt darin sehe, alle von militanter Toleranz zu überzeugen, sondern auch einfach mit Lebenserfahrungen, die bei anderen anders ausgesehen haben mögen und mich ggf. etwas überempfindlich gemacht haben. Vielleicht sind sie ja für den einen oder anderen interessant.
Meine Großmutter war eine recht erfolgreiche Ultraläuferin mit mehreren Weltbestzeiten. Sie war *extrem* leistungsorientiert - und hasste dicke Menschen. Sie hat alle Dicken wirklich beschimpft - als ich ihr eine Freundin (und spätere Verlobte), die durchaus pummelig war, vorgestellt habe, wurde diese in keifendem Ton mit "Du musst abnehmen, Du bist zu fett!" begrüßt. Ich werde nie vergessen wie sie (die Verlobte, nicht die Oma) nach dieser ersten Vorstellung geweint hat.
Alle, die nicht ihrem Idealbild eines sportlichen, arischen Körpers entsprachen, wurden auf eine Weise behandelt, die viel schlimmer ist als krude Beleidigungen: mit herablassendem Überlegenheitsdünkel, "ich bin die tolle Ultraläuferin, die am Wochenende zu einer Weltmeisterschaft nach Amerika fliegt, er seid die Untermenschen: Raucher, Dicke, was auch immer". Das hat sie jeden spüren lassen, damit viele Leute sehr sehr verletzt. Ich war (gottseidank) immer sehr dünn und nie direkt betroffen, und habe erst recht spät bemerkt, wie verletzend dieses Verhalten meiner Lieblingsoma für viele war - als ich mich spätpubertierend mit 18 (also Anfang der 90er) der Gothic Szene anschloss und damit nicht mehr ihrem Idealbild eines guten sportlichen Deutschen entsprach, wurde ich schlicht verstossen, bis die Phase vorrüber war.
Ende vom Lied war, das sie relativ früh, mit Anfang 70, an den Folgen ihres Sports starb, während von den Dicken und den Rauchern alle noch leben. Über sie reden tut keiner mehr - und wenn doch, dann erinnert man sich daran, wie sehr sie viele um sich verletzt hat. Allein ich bewahre eine Goldmedallie von ihr auf, die sie bei einer Seniorenolympiade errungen hat, ist mein Talisman für Wettkämpfe. Alle anderen Pokale und Medallien wurden verschrottet.
Auf der Trauerfeier hat kaum einer getrauert, je später der Abend wurde ging es in den Gesprächen primär darum, was für ein arroganter und leistungsfixierter Mensch sie war. Oder um Trainingspläne, es waren nämlich nur Läufer da. Von der Familie fast keiner.
Sport ist in meiner Familie bis heute immer noch eher negativ behaftet, und als ich mit Ausdauersport begann musste ich mir mehr als einmal anhören "fängst Du jetzt auch so an wie X und beschimpft dann bald alle die kein' Sport machen?". Erst durch meinen eigenen Sport habe ich aber auch begonnen, mich mit dieser Renn-Oma posthum wieder zu versöhnen, aber das ist ein anderes Thema und hat mit den Dicken wenig zu tun.
Das mal als Anekdote zum Verständniss, warum mich dieser Thread so auf die Palme bringt. Wenn ich jemanden, der einfach nur sachlich auf die Probleme die durch Übergewicht entstehen hinweist, im Thread beleidigt haben sollte, entschuldige ich mich dafür - es geht mir einfach darum, das ich zu viele von den Sprüchen schon gehört habe und weiss, wohin sie führen (können).
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Whatever quantitative measure of success you set out to achieve becomes either unattainable or meaningless. The reward of running—of anything—lies within us. ~Scott Jurek
Geändert von TheRunningNerd (12.07.2012 um 11:01 Uhr).
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