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Szenekenner
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Gibt es ein sportliches Leben jenseits der 70 A?
So im Nachhinein betrachtet, weiß ich gar nicht mehr, warum wir eigentlich zum Neo-Testschwimmen wollten. Es gibt ja Ideen, die verselbständigen sich und ich hatte auch noch geschrieen: "Ich backe einen Kuchen!". Und so standen wir denn am Samstag Morgen eine Viertelstunde vor der verabredeten Zeit an der Tischtennisplatte am Langener Waldsee und ... warteteten.
Um fünf nach zehn sagte ich zu meinem Mann: "So fühlen sich die anderen also, wenn sie immer auf uns warten müssen." Um viertel nach zehn gehen Mann und Kind Pipi machen, ich lungere weiterhin an der Tischtennisplatte rum und überlege, wann es wohl zu regnen anfängt. Dann kommt ein freundlich guckender Mann winkend auf mich zu, und ich denke, dass das wohl Skunkworks sein muss. Ist er auch. Mann und Kind kommen zurück, Vorstellungsrunde, Skunkworks trägt die Pappschachtel mit dem Kuchen zum Auto. Nachdem ich mich bei Shangri-la vorgestellt habe, erledige ich die Anmeldeprodzedur, um einen Neo testen zu dürfen. Währenddessen ziehen der cyberpunk, Cruiser und Skunkworks über meine Waden her, die in der ausgebeulten knielangen Cargo-Büx gut zur Geltung kommen. Als ich später nachfrage, was daran denn so lustig war, meinen sie nur lapidar: "Die sind so dünn." Nächstes Mal trage ich Shorts, nehme ich mir fest vor, dann kann ich mal zeigen, was dicke Oberschenkel sind. Der Mandarinen Hai schwirrt auch irgendwo rum und soll den Chef-Verkäufer zur Herausgabe eines Premium-Neos genötigt haben. Nachdem der Mann sich erst geziert hat, rückt er einen raus und die Mandarine kauft ihn prompt.
Bei mir ist der grauhaarige Endvierziger-Chef mit dem starken schwäbischen Zungenschlag nicht so zurückhaltend. Im Gespräch erkläre ich ihm, welche Neo-Marke ich nicht ausprobieren möchte und warum und gestehe zähneknirschend, dass ich eine schlechte Schwimmerin bin. Er guckt, senkt die Stimme und raunt in tiefstem Schwäbisch über den Verkaufstresen: "Ohnää dir zu naaahe dräde zu wolle, du hascht halt ziemlisch viel Oberweide füar dei Körbber." Ich drehe mich zu den drei Herren um, die sich eben noch über meine Waden lustig gemacht haben, aber DAS hat natürlich keiner gehört. Nur mein Sohn steht neben mir und lauscht aufmerksam. Ich verbeiße mir das Lachen und grunze: "Mmmh". Der Fachmann für Oberweiten kreuzt auf seinem Zettelchen irgendwelche Modelle an, schleppt mich zu einem Mitarbeiter, deutet mit dem Finger auf mich und fragt: "S oder M?" Warum nicht gleich SM, denke ich, der Mann hat schließlich ganz offensichtlich eine starke sadistische Ader, die er heute mal an mir auslebt. Sein Mitarbeiter ist aber ganz reizend. Er guckt mir fest in die Augen und antwortet seelenruhigund in schönstem Hochdeutsch: "S! Auf jeden Fall." Erleichtert und dankbar lächel ich zurück.
Später erzähle ich Shangri-la, welche Neos ich als schlechte Schwimmerin testen durfte. Erwartungsgemäß fällt sie aus allen Wolken: "Wieso geben dir die ausgerechnet DIE Neos, wenn du eine schlechte Schwimmerin bist?" "Ei," antworte ich wahrheitsgemäß, "des is halt nur wägen mei große Oberweide, woischt?!" Und dann wiederhole ich noch einmal das Beratungsgespräch und gucke in staunende Gesichter.
Nachmittags bin ich dann noch mit dem Junior in Frankfurt unterwegs. Das größte Fußballspiel der Welt wird ausgetragen und des Kindes Patenonkel Onkeltom ist dafür verantwortlich. Der kleine Blonde gewinnt bei der Tombola einen Gutschein für eine Stunde im Flugsimulator und ich muss auf die Bühne. Vorher begrüßt mich noch ein Promi, den ich nicht kenne. Das letzte Mal ist mir das mit Herrn Riesenhuber passiert, aber das war auch im Winter und seine Fliege durch einen Schal verdeckt. Dass die bei mir immer so zutraulich sind, verstehe ich gar nicht. Ich hüpfe also auf die Bühne, antworte artig und Onkeltom ist begeistert. "Mensch, Pantone," meint er, "du bist ja so was von schlagfertig, so kenne ich dich ja kenne. Nächstes Mal buche ich dich als Moderatorin." Dann hockt er sich zum kleinen Blonden und meint: "Hey, die Mama ist ja voll die Rampensau!" Super. Spätestens da gehe ich davon aus, dass mich am Montag Nachmittag, wenn ich den Steppke aus dem Kindergarten abhole, von einer seiner Erzieherinnen freundlich professionell beiseite genommen werde und sie fragen wird, wie es denn zu Hause so geht. Wenn ich dann zurück frage, warum, wird sie sicherlich mit Besorgns verratender Stimme antworten: "Naja, wir hatten heute Morgen Stuhlkreis und dein Sohn hat von großen Oberweiten und einer Rampensau erzählt, und da wollte ich nur mal fragen, ob alles in Ordnung ist oder ob ihr vielleicht Hilfe braucht."
Am Sonntag ist dann Schluss mit lustig. Ich fahre nach Auringen zur RTF. Am ersten Verpflegungspunkt muss ich Mann und Kind anrufen, dass sie mich abholen. Ich habe Sehstörungen, Nacken-und Kopfschmerzen. Als die beiden eintrudeln, drückt mein Mann mir als erstes die Migräne-Tabletten in die Hand. Leider hatte ich vergessen, auch das Mittel gegen Übelkeit zu ordern. Die ältere Dame und ihr Mann Heinz am Kontrollpunkt schenken uns noch ein Bündel Bananen und wir packen die ganz vorsichtig aus der Plastiktüte. Jetzt habe ich immerhin eine löcherige Plastiktüte und ein paar Blätter Küchenrolle, mit denen wir die Heimfahrt antreten. Leider schaffe ich es dann doch nicht ganz bis nach Hause und reiher meinem Mann das halbe Auto voll. Während der Lütte auf der Rückbank ungerührt seine selbst gestellte Aufgabe des Zählens weiter führt, frage ich mich, was meinem Mann wohl gerade durch den Kopf gehen mag. Ich tippe auf: "Das habe ich mir alles mal ganz anders vorgestellt!". Den Nachmittag schlafe ich. Danach denke ich zum ersten Mal ernsthaft drüber nach, auf einen 70.3 umzubuchen. Aber es ist ja noch Zeit. Irgendwie ist es auch immer ganz unterhaltsam, was alles so passiert. Und ja, es gibt sogar ein (sportliches) Leben mit einer 75 C.
Geändert von Pantone (18.06.2012 um 13:18 Uhr).
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