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Alt 31.08.2011, 14:00   #592
Pantone
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Mit Marshall an der Raststätte

Ich bin ja mehr so der analytische Typ: strukturiert, planvoll, umsetzungsstark. Das habe ich zumindest immer gedacht. Bis ich meinen Mann kennen lernte.

Sonntag Morgen, 4.20 Uhr, der Wecker klingelt. Da ich ohnehin fast nicht geschlafen habe, fällt mir das Aufstehen leicht. Zumindest hat das elendige Rumgewälze damit ein Ende. Um 4.55 Uhr sitzen wir im Auto. Mein Mann kommentiert: 20 Minuten später als geplant. Ich kommentier nichts, denn ich weiß, wo derlei Diskussionen hinführen. „Weißt du, wie du fahren musst?“, fragt er mich. „Ja,“ antworte ich, „zumindest die ersten 60 Kilometer.“ Wie fahren los. Nach zwei Kilometern setzt auch das Navi ein. Es lotst uns am Ende der Kleinstadt einmal im Kreis und dann zurück in die Richtung, aus der wir gerade gekommen sind. Nach weiteren 5 Minuten befinden wir uns auf der Bundesstraße, die wir nicht fahren wollten. Nein, ich fange keine Diskussion darüber an, warum das anders ist als im Netz-Routenplaner, den wir am Abend zuvor angesehen haben. Hatte ich nicht noch gefragt, ob das Navi dann die gleiche Route nimmt wie die online-Version? Schuld kriege ich trotzdem: „Ich brauche dir ja wohl nicht zu sagen, wie nervös ich bin!?“, lässt mein Mann aus mühsam zusammen gepressten Lippen verlauten. Hätte ich ihn vor 20 Jahren kennen gelernt, hätte ich ihn jetzt angebrüllt mit: „Ich habe das gestern noch angesprochen. Und überhaupt: WER will sich eigentlich seit einem Jahr um ein neues Navi kümmern?“ Dann hätte ich angehalten und ihn ´rausgeschmissen. Angeblich habe ich ja überwiegend skandinavisches Blut in meinen Adern, aber irgendwie muss da auch ganz schön viel sizilianisches ´rumschwimmen. An diesem Morgen aber sage ich entspannt und altersmilde: „Kein Problem. Das schaffen wir schon.“

Und so cruisen wir gemütlich über Land. Vorbei an klangvollen Orten wie Klein-Meinsdorf, Süsel oder Buntekuh. Hier ist die Welt bestimmt noch in Ordnung, kommt es mir sofort in den Sinn. Auf der Auobahn geht es dann wieder etwas globaler zu: auf den großen, blauen Schildern steht in weißen Buchstaben und Zahlen, wie weit es noch ins polnische Stettin ist. Auch Berlin kommt vor, aber ohne Kilometerangabe. Wenn Berlin also immer eine Reise wert ist, dürfte eine ab hier eine ins Ungewisse sein. Aber vielleicht will hier gar keiner in die Hauptstadt? Vielleicht sagen die Einheimischen einfach: „Och,nö, du, lass ma´. Das Herzogtum Lauenburg ist so schön. Und Lübeck ist auch nicht weit. Und zur Not können wir ja auch immer noch mal nach Groß-Meinsdorf fahren.“ Wer weiß, vielleicht haben die´s hier nicht so mit der großen Welt.

Gegen halb sechs ist es schon fast hell und eine junge blonde Frau kommt uns auf ihrem Hollandrad entgegen. Ich muss grinsen. Ja, so war das damals, so ein Rad hatte ich auch. Da wurde im Morgengrauen nach Hause gefahren. Dieses Gefühl kenne ich heute noch. Es setzt ein, wenn ich junges Gemüse sehe oder wenn ich bestimmte Lieder höre. Da kann ich nichts gegen tun. Aber eigentlich will ich das auch gar nicht. Kurz hinterm Ratzeburger Ortsschild hält am rechten Fahrbahnrand ein Taxi. Der Fahrgast steht in blauer Jeans und rosa T-Shirt am Straßengraben, stützt sich mit beiden Händen auf den Oberschenkeln ab und übergibt sich herzhaft. Der Taxifahrer wirft beunruhigte Blicke über die Schulter nach hinten durch die offene Tür und bangt um sein Auto-Polster. So ist das im Leben: Während für einige der Tag noch gar nicht richtig angefangen hat, ist er für andere schon gelaufen. Gibt halt unterschiedliche Interessen bei der Freizeitgestaltung.

In der Wechselzone leihe ich mir hektisch Badekappe und Schwimmbrille zusammen. Nicht nur equipmentmäßig, auch sonst bin ich eher wenig vorbereitet. In so Situationen muss ich immer an den Ausspruch meiner Freudin Birgit denken, dem ich aus vollem Herzen zustimme: „Eigentlich gehöre ich dafür bestraft.“. Aber auch diese Mitteldistanz geht um. Landschaftlich sehr schön, von Zuschauern wird man kaum belästigt. Das Fahren auf nicht abgesperrten Straßen ist nur in den Momenten gewöhnungsbedürftig, in dem einem ein Trecker hinterherschleicht und von vorn zwei Autos im Gegenverkehr kommen. Aber in Orten wie Bäk sind auch Treckerfahrer geduldig. Die sehen auch nicht so aus als würden sie jemals nach Berlin wollen. Auf der letzten Verpflegungsstation der Laufstrecke steht ein älterer Herr hinter dem aufgebauten Tisch und fragt freundlich: „Möchtest du etwas trinken?“. Das ist das Schöne, wenn du ganz weit hinten läufst, da nehmen die sich noch mal so richtig Zeit für dich und gießen dir in aller Ruhe ein Kaltgetränk ein. Ach, denke ich, hier bin ich Gast, schenk noch mal ein.

Einen Tag später sitzen wir im Auto auf dem Nachhauseweg und ich versuche, ein bisschen zu lesen. Künstler haben´s ja gut, denke ich. Die können ihrer Passion meistens länger nachgehen als Sportler und hinterlassen der Nachwelt etwas. Werde ich in spätestens 20 Jahren vielleicht in einen Kirchenchor gehen, weil mein Corpus den Dienst verweigert, ich aber nicht zu Hause sitzen und auf die Tapete starren will? „Von da an ging´s bergab“ hat Hildegard Knef gesungen. Geht schon los, denke ich manchmal.

Als wir eine Pause an einer Raststätte machen, stehe ich am schicken blauen Tresen einer Café-Bar und ordere Espresso und Cappuccino. An die Tankstellen-Kasse daneben geht gerade ein älterer Mann um die 70, dessen Gehumpel auf Hüftprobleme schließen lässt. Dunkle Locken, schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans und ganz viel Gold an Sonnenbrille und Armbanduhr. Es ist Tony Marshall, der die ganze Zeit das Handy am Ohr hat und telefoniert. Und mir, mir fällt beim besten Willen nicht ein, was der ´mal gesungen hat. Und das finde ich super, denn mir ist schlagartig klar, dass ich mich gar nicht grämen muss, wenn ich der Welt nichts hinterlasse. Denn manchmal, glaube ich, will sie vielleicht auch einfach gar nichts haben.
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