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ERICH KAESTNER: Monolog in der Badewanne
Monolog in der Badewanne
Da liegt man nun, so nackt, wie man nur kann,
hat Seife in den Augen, welche stoert,
und merkt, aufs Haar genau: Man ist ein Mann.
Mit allem, was dazugehoert.
Es scheint, die jungen Maedchen haben recht,
wenn sie - bevor sie die Gewohnheit packt -
der Meinung sind, das maennliche Geschlecht
sei kaum im Hemd ertraeglich. Und gar nackt!
Gluecklicherweise steht's in ihrer Hand,
das, was sie stoert, erfolgreich zu verstecken.
So frueh am Tag, und schon soviel Verstand!
Genug, mein Herr! Es gilt, sich auszustrecken.
Da liegt man, ohne Portemonnaie und Hemd
und hat am ganzen Leibe keine Taschen.
Ganz ohne Anzug wird der Mensch sich fremd ...
Da traeumt man nun, anstatt den Hals zu waschen.
Der nackte Mensch kennt keine Klassenfrage.
Man koennte, falls man Tinte haette, schreiben:
'Ich kuendige. Auf meine alten Tage
will ich in meiner Badewanne bleiben.'
Da klingelt es. Das ist die Morgenzeitung.
Und weil man nicht, was nach dem Tod kommt, kennt,
schreibt man am besten in sein Testament:
'Legt mir ins kuehle Grab Warmwasserleitung!'
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Das Leben ist ein Zeichnen ohne die Korrekturmöglichkeiten des Radiergummis.
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