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Interessant, wie die Diskussion komplett aus den Fugen gerät...oder traurig...?
Wie immer empfiehlt sich ein genaueres Hinschauen, bevor man sich ein Urteil bildet, aber das hatten wir ja schon des öfteren, daß man sich Meinungen und Urteile mal eben so schnell bildet.
Hier der Satz vom Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, wie ich ihn den Medien entnommen habe:
"...das Plakat sei entweder eine "nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit" oder ein Beispiel "totaler Geschichtsunkenntnis". Dass dies immer wieder geschehe, liege zu einem "erheblichen Anteil" am unzureichenden Geschichtsunterricht an Schulen."
Die Kritik der 'totalen Geschichtsunkenntnis' und des 'unzureichenden Geschichtsunterrichts' wird heute von mehreren Leuten aus den verschiedensten Richtungen geteilt, hat also mit einer explizit "jüdischen" Argumentation nichts zu tun.
Natürlich muß jeder, der KZ-Inschriften verwendet, sich mindestens fragen lassen, ob er deren Herkunft bzw. Verwendung kannte - und wenn er darauf mit "Wußten wir nicht!" antwortet, wie nun Esso und Tchibo, dann ist der Vorwurf der "Geschichtsunkenntnis" definitiv berechtigt.
Und dann wird mE auch der Vorwurf der "Geschmacklosigkeit" verständlich: Es gibt halt nun eine immer kleiner werdende Minderheit von Menschen (zu denen auch ich gehöre), für die das Wissen um die Geschichte (und damit meine ich die GESAMTE Geschichte, nicht nur das Dritte Reich) eine wichtige Einflußgröße für ihr Denken und Handeln ist. Das hat nichts mit rückwärtsgewandt oder "Immer wieder alte Geschichten hervorkramen" zu tun, sondern damit, daß man das Handeln (und die Motive dazu!) des heutigen Menschen umso besser verstehen kann, wenn man weiß, woher er kommt (was ja im Natural Eating-Thread "ordentlich" mißlungen ist).
Wenn man also so denkt, dann kann man die Kampagne von Tchibo & Esso nur als Geschmacklosigkeit bezeichnen, sofern die Macher von der Verwendung des Spruches wußten.
Wie man es also dreht und wendet:
Wußten die Macher, dann war es geschmacklos, den Spruch zu verwenden - wußten sie es nicht, offenbaren sie erhebliche Lücken der Geschichte.
Wer nun argumentiert, das ganze Zeug der Nazis hätte es doch schon vorher gegeben und darum sei ein heutiger Einsatz unverfänglich, entzieht sich nicht nur dem o.g. "geschichts-bewußten" Ansatz, sondern ignoriert auch, daß Worte, Sätze und Bilder generell NIE frei von irgendeinem Kontext sind.
Daher können sie sich bei entsprechender und intensiver Nutzung von ihrem Ursprung entfernen und stehen damit für andere Interpretationsmöglichkeiten nicht mehr zur Verfügung.
Das ist das Ziel jeder Propaganda und damit auch ihrer Unterform, der Werbung.
Kurz: "Jedem das Seine" ist in Buchenwald umprogrammiert worden und kann daher nach meiner o.g. Auffassung nicht mehr beliebig eingesetzt werden.
Zudem ist Werbung eines Unternehmens auch Teil der gesellschaftlichen Kultur und muß damit auch Verantwortung für die Produktion ihrer Bilder und Texte übernehmen.
(Ich mache seit 20 Jahren Werbung und habe seit fast 15 Jahren eine eigene Agentur, weiß also ein bißerl, von was ich schreibe.)
Gute Nacht: Michel
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