Rad wieder aufhängen, Helm ab, Startnummer drehen, Gel mitnehmen aus meiner Kiste und schon torkelte ich Richtung Laufstrecke. Die Wechsel liefen für meine Verhältnisse perfekt. Alles wie geplant.
Dann vorbei am Zielleinlauf, an den ganzen Zuschauern, am Moderator, an den Cheerleadern. Innerlicher Krieg in mir: „Reiß dich zusammen, das schaffst du jetzt auch noch.“ – „Ja? Ich glaube eher nicht.“ „Dooooch, das packst du. Lauf langsam, dann klappt das schon“
Und dann wieder ab in den Wald. Nur diesmal in die andere Richtung von der Wechselzone aus gesehen. Ich riss mich also zusammen und schneckte los. Vorbei an den Zuschauern. Auch hier überholten mich viele Teilnehmer nach und nach, aber das war mir egal. Manche Männer liefen doppelt so schnell wie ich, aber was soll’s. Nach ca. einem Kilometer kam dann der erste Getränkestand. Ich entschied mich spontan, Iso zu probieren, aber beim schneckigen Joggen klappte das nicht wirklich mit dem Plastikbecher

Ich ging also ca. 4 Meter, kippte ein paar Schlücke in mich rein und joggte weiter. Entweder vor dem Getränkestand oder nach dem Getränkestand stand mitten im Wald eine trommelnde Musikergruppe. Auch das war ziemlich motivierend. Coole Rythmen, da musste man einfach weiterlaufen. Die Laufrunde war eine Runde mit Wendepunkt und musste von mir zwei mal gelaufen werden. Am Wendepunkt angekommen, erhielt man dann ein Armbändchen als Beweis, dass man da war. Bis jetzt lief es erstaunlich gut. Meine Waden zogen zwar, aber ein richtiger Schmerz war es nicht. Die Knie taten auch nicht weh. Nur mein Magen machte ein paar Zicken seit dem Laufen. Aber auch das war auszuhalten. Vom Wendepunkt aus also wieder zurück Richtung Wechselzone. Das übliche Spiel. Ich wurde überholt, viele kamen mir entgegen, aber manche mussten auch zwischendurch gehen. Ich bis jetzt zum Glück nicht außer kurz wegen des Getränkes. Auch an Anstiegen schneckte ich joggend hoch. Gehen kam für mich nicht in Frage. Vorbei wieder an den Trommlern, kamen dann irgendwann wieder die Zuschauer in Sicht. Und dann war es soweit. Ich hielt es das erste Mal an diesem Tag ernsthaft für möglich, dass ich mein Ziel erreichen konnte. Nur noch eine Runde. Die Hälfte der Laufstrecke hatte ich geschafft. Jetzt mussten die letzten 2,5 km auch noch irgendwie klappen. Ich schneckte also an den Zuschauern vorbei, genoss es, und bog dann wieder in den Wald ein. Wieder mal die Trommler, wieder mal der Getränkestand und irgendwann befand sich ein zweites Armbändchen an meinem Arm. Nur noch ca. 1,5 km konnten es sein. Auch auf diesem Rückweg gingen wieder Einige an den steilen und matschigen Passagen. Aber ich zog es wieder durch. Und jetzt der Knaller des Tages: Ich überholte Jemanden!!!!!!!! Dass ich das noch mal erleben durfte!!!!! Das muss doch wieder eine Fata Morgana sein?
Ein letztes mal am Getränkestand vorbei. Interessanterweise ging es mir bis auf meinen Magen inzwischen super. Ich erhöhte das Tempo, merkte, dass ich es schaffen würde. Ich hatte noch Kraft. Ich gelang innerlich in eine Art Schwebender-Wolken-Zustand und schwebte beflügelt ein letztes Mal in Richtung Zuschauer. Und dann war es in Sicht. Eine dritte Fata Morgana? Das Ziel!!!!!!!!!!!! Ich lief ihm entgegen. Ich schwebte ihm entgegen. Ich genoss es. Die Cheerleader tanzten, der Moderator blubberte irgendwas, ich klatschte dem Haupt-Organisator seine hingestreckte Hand ab und dann war ich im Ziel.
Ich im Ziel? Ich konnte es nicht glauben. Aber es war anscheinend so.
Völlig in Trance torkelte ich zum Getränkestand und meinte im Augenwinkel zu beobachten, dass noch eine Frau nach mir ins Ziel kam mit meiner Startgruppen-Farbe an der Startnummer. War ich etwa nicht Letzte geworden? War mir aber auch in dem Moment egal.
Ich schwebte, und schwebte und schwebte.
Jetzt denkt Ihr Euch vielleicht: Cool, aber das klingt doch nach einem ganz normalen durchschnittlichen Rennen?
Für euch vielleicht, für mich nicht.
Für mich war es mehr als ein Rennen. All der Aufwand des letzten Jahres hatte sich nun gelohnt. Ich habe meine Ziele erreicht. Nicht vom Rad abgestiegen, nicht gegangen vor Erschöpfung beim Laufen, nicht zusammengebrochen und sogar nicht die langsamste Frau gewesen.
Ich war unendlich glücklich und zufrieden.
Ich versuchte, ein Stück Kuchen in mich reinzuschieben, aber mein Magen feierte noch ein bisschen Kirmes. Also genoss ich es lieber noch ein bisschen, einfach dumm im Ziel rumzustehen, holte mein Finisher-Shirt ab und ging in die Wechselzone. Kurz trockene Sachen angezogen, ein paar Sachen schon mal ins Auto gebracht und dann wieder zurück. Immer noch kamen vereinzelte Teilnehmer ins Ziel, nach uns starteten ja auch noch zwei männliche Gruppen des Bergischen Hämmerchens.
Und irgendwann wurden dann nach und nach die Ergebnisse ausgehängt und dann folgten die Siegerehrungen.
Fazit: Platz 40 von 44 Frauen.
Gesamtzeit: 2:01:33
Leider nicht unter den erträumten 2 Stunden, aber da ich sonst alle meine Ziele erreicht hatte, ist das nicht schlimm.
Schwimmen: 0:16:31 (inklusive Fußweg hoch)
Rad: 1:04:35
Laufen: 0:40:27
Platz 3 von 4 in meiner Altersklasse.
Also durfte ich sogar noch auf das Podest und erhielt ein bronzenes Hämmerchen (dort gibt es immer Hammer/Hämmerchen statt Medallien).
Soviel zu dem gestrigen Tag.
Ich bin glücklich.
