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Ich bin mir nicht so sicher, ob es tatsächlich die „Spritualität“ ist, die von den Kirchen vertreten wird. Ehrlich gesagt sehe ich in der Bibel wenig Spirituelles, und auch die Schriften der letzten drei Päpste scheinen mir nicht sonderlich spirituell zu sein.
Meine Hypothese ist eher, es geht um das Normative; also die Autorität, verbindliche Regeln (Normen) für die Gesellschaft aufzustellen. Das würde auch eher dem Inhalt der Bibel entsprechen.
Zudem ist die „spirituelle Debatte“ inzwischen weit, weit fortgeschritten. Wissenschaft, Ethik und Philosophie haben das Niveau in den letzten 200 Jahren enorm gehoben. Die Kirchen sind etwa auf dem Stand von 1400, von geringen Ausnahmen abgesehen. Wenn die Kirchen und deren Vertreter auf Augenhöhe in diese Debatte einsteigen wollen, liegt noch ein langer Weg vor ihnen.
Welchen Beitrag haben die Kirchen in den letzten 70 Jahren in Deutschland zur „Spiritualität“ oder zur „Moral“ geleistet? Wenn die Ideen der Kirchen gut wären, würden die Menschen sie gerne aufgreifen. Aber die Ideen sind schlecht, und daran ändert sich nichts, wenn man auf den absoluten Wahrheitsanspruch verzichtet.
Bevor die Kirchen in diese Debatte einsteigen, wären sie gut beraten, sich anzuschauen, was die Menschen in Europa in den letzten 70 Jahren erreicht haben, gerade was das Normative angeht; also die Regeln, die unser Zusammenleben friedlich regeln und dennoch individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung maximieren. Die normalen Bürger sind längst viel ethischer und moralischer als der durchschnittliche bischöfliche Greis, und sie können ihre Regeln auch vernünftig und ohne Abrakadabra begründen. Bevor die Kirchen diesen Mechanismus durchschaut haben, können sie an der Debatte eigentlich nicht teilnehmen.
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