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JENS-KLEVE 19.08.2018 09:48

Ironman Kalmar (Schweden)
 
Da ich die letzten Jahre immer Pech hatte mit extrem heissen Wettkampfwochenenden, und dieses beim Marathon gar nicht vertrage, hatte ich die Nase voll und mich für den Ironman Kalmar 2018 angemeldet.

Das Training war sehr umfangreich aber nicht immer wirklich zielgerichtet, da es nur zwischen neuer Arbeitsstelle, Familie und anderen Verpflichtungen reingerutscht werden konnte. Gesundheitlich lief alles gut.

Im Fernsehen sah ich Bilder von Hitze, Trockenheit und Waldbränden, gewisse Schuldgefühle überkamen mich. Meine Schuld?:Lachen2:

Nach einem leistungsorientierten Open Air Festival (1. Reihe The Prodigy, Ministry, In Extremo etc) bei Hannover ging es dann montags mit der Fähre von Rostock nach Trelleborg. Dienstag Ankunft in Kalmar, alle Eingänge der Stadt geschmückt mit Ironman Fahnen - 1. Gänsehaut-Moment - das kennt man von Frankfurt nicht, es erinnert eher ans Einrollen in Roth. Der Campingplatz nennt sich Stensö und ist 3km vom Zentrum,4km von der Wechselzone entfernt. Eine bewaldete Halbinsel mit kleinen Stränden, traumhaft schön. Eine erste Tour mit Kinderanhänger in die Stadt zeigt das zu erwartende Bild: Ironman Truck, Aufbau der Tribünen am Marktplatz, Wechselzone schon fertig -Gänsehaut Moment Nr. 2.

Mittwoch geplante Radtour auf der Radstrecke. Der Clou: Die Radsstrecke geht über Schwedens größte Brücke zur Nachbarinsel Öland. Dort wird ein große Schleife gefahren, dann über besagte Brücke zurück, in die Innenstadt, Wendepunkt, Schleife auf dem Festland und zurück. Die Brücke ist ansonsten für Radfahrer gesperrt, also fahre ich mit dem Auto rüber und fahre eine 70km Schleife in kompletter Aeroposition. Keine Städte, keine Ampeln, keine Kreisverkehre, keine Kanaldeckel,, keine Hunde, keine LKWs. Nur die Straße, das Wummern der Scheibe, Blick auf das Meer und Naturschutzgebiete ohne Bäume. Nächster Gänsehaut Moment. Anschließend Shopping in der Stadt und Besichtigung im Schloss - immer eine Reise wert!

Mittwoch Abend "MiniTri" - das entpuppte sich als Sprintdistanz / Volksdistanz für die örtliche Bevölkerung - alles was Beine hatte nahm Teil, unendlich viele Startgruppen - die ganze Stadt voller Zuschauer, nicht nur Angehörige, wie man es eher von daheim kennt. Die Wechselzone und andere Infrastruktur wurden also sinnvoll doppelt genutzt - nicht doof.

Donnerstag Wettkampfbesprechung, ich erwartete einen Seminarraum und 200 gelangweilte Streber, die sich aus Pflichtbewusstsein den üblichen Kram reinzogen. Stattdessen erwartete mich eine einfache, aber gute PastaParty, eine riesige Tennishalle, bummsvoll gefüllt mit Athleten aus über 40 Nationen und 2 Moderatoren, die es voll drauf hatten. Sie machten eine SuperUnterhaltungsShow, ähnlich aber noch emotionaler als in Roth. Humorvoll wurden nochmal schnell die wichtigsten Regeln zusammengefasst, ansonsten aber nur die Vorfreude auf Samstag geweckt. Geile Show, jetzt war ich heiss!

Freitag Rad-check-Inn, 2880 Starter wurden ohne Wartezeiten eingecheckt - Respekt. Es gibt nur eine Wechselzone und eine Wechselbeutelständerreihe mit 2 Etagen. Oben BikeBeutel, unten Laufbeutel - einfacher geht es nicht. Den Kinderlauf habe ich mir geschenkt, die ganze Stadt war im Triathlonfieber - damit hatte ich nicht gerechnet. Der komplette Campingplatz in Triathleten und ZuschauernHand, alle die keinen Platz bekommen hatten, dürfen trotzdem campen, nur ohne Stromanschluss.

Samstag Raceday. 4:30 Wecker, 5:15 Uhr mit dem Gammelfahrrad zur Wechselzone, direkt vor der Tür geparkt, wäre sogar mit dem Auto gegangen - in Roth oder Frankfurt undenkbar - ewiges Laufen vorm Wettkampf ist nicht so mein Ding. 2 Minuten laufen zum Schwimmstart, genügend Dixies nur minimale Wartezeiten. So macht man das! 10 riesige Müllcontainer mit Startnummern Beschriftung, einfach den Afterracebeutel vorsortiert reinwerfen - keine Wartezeit.

Schwimmen: Rolling Start, aber nicht wie in Frankfurt ewig rausgezögert, sondern einfach Startaufstellung in einer langen Schlange nach Schwimmzeit sortiert und ohne Bremsung laufen alle nacheinander ins Wasser, nach 5-7 Minuten sind alle drin. Ein guter Kompromiss zwischen Massenstart und dem Rollingstart wie in Frankfurt. Der Kurs ist auf der Karte kompliziert, aber im Wasser problemlos, dank vieler Bojen. das Wasser ist schwach salzig, teilweise etwas schlammig, die Wellen zum Glück nicht hoch. Erstmal kann ich knapp die 1:20 unterbieten, ich bin begeistert, aber mir ist schwindelig, ich lasse mir in der Wechselzone viel Zeit.

Radfahren: Ich fahre streng nach Watt, halte mich exakt an die Werte, wie ich sie im training gefahren bin um beim Laufen noch fit zu sein. Die Radstrecke ist einfach geil. Ich wollte einen 31er Schnitt fahren, aber trotz der geringen Wattwerte schaffe ich auf den ersten 120 KM einen 33,3 er Schnitt, da mich nichts aufhält und ich die Aeroposition nicht verlassen muss. Das Rennen ist fair, alle fahren auf der Perlenkette aufgereiht, hier und da wird überholt. Gruppen bilden sich keine.Die letzten 60km beinhalten viele Kurven, Hügel und Wendepunkte, der Schnitt geht bei gleichen Wattwerten auf 32,4 runter. Ich bin zufrieden aber ich fühle mich müde. Auf der ganzen Radstrecke sitzen Leute mit Klappstühlen und feuern einen an - für eine 180km-Runde eine unfassbare Leistung - genau wie in Roth, nur ohne Solarer Berg.

Laufen: In der Wechselzone ist mir schlecht, der Magen rumpelt - die ersten 2km geht kaum etwas. Zunächst geht es mit komplizierter Streckenführung durch jede Straße der Innenstadt - tausende Leute feuern einen an, wie am Frankfurter Mainunfer - hammergeil! Ein Opa überholt mich und nimmt mich im 6 Minuten-Tempo mit. Ich bin dankbar und die erste 14km Runde läuft somit einigermaßen gut. Nach 3km kommt aus der Stadt raus und läuft am Meer entlang durch ein Villenviertel. Die Leute dort sind völlig krank, die haben komplette Discoanlagen mit Nebelmaschinen, Lichtanlagen und megafetten Lautsprechern aufgebaut, der gesamte Freundeskreis tanzt auf Bühnen, die zur Lauftstrecke ausgerichtet sind und es gibt wahlweise Techno und Heavymetal-Villen. Auch die Leute auf den Picknick-Decken sind super, jeder feuert einen an, viele mobile Soundanlagen mit 80er und 90er Jahre Hits. Keine Schlager ohne amerikanischer HipHop auf der ganzen Laufstrecke - Danke. Dem Magen geht es besser, den Beinen schlechter - ich hab zwar viel trainiert aber nicht zielgerichtet auf LD trainiert, man merkt es - der Schnitt geht runter am Ende auf 6:42 - aber ich muss zum Glück nicht gehen, ich jogge tapfer die gesamte Strecke. Kalmar ist heute mit 25 Grad und praller Sonne der wärmste Ort von ganz Schweden. Ein Fluch.

Der Zieleinlauf ist gigantisch. Die gesamte Innenstadt tobt auf den letzten 3 Kilometern und im Tribünenbereich wird jeder einzelne durch Moderator und Publkum gefeiert, im Zielbereich liegen sich alle in den Armen. Alles mega freundlich, kein Gockel-Getue, keine arroganten Egoisten alles super. Anschließend top organisierter Ablauf. Kein Lazarett-Zelt notwendig, hier und da kleine medizinische Betreuung, ich sah nur eine einzige Infusion. Zielverpflegung war gut, AfterRacebeutel und T-Shirt werden ohne Wartezeit überreicht. Durchschleusung zur Wechselzone. Ohne Wartezeit nimmt man sich seine 2 Wechselbeutel und sein Fahrrad - Check-Out fertig. Einfacher geht es nicht.

Mit dem Wettkampfrad eben schnell zum Wohnwagen und mit dem Auto zurück. Alle Teilnehmer wurden aufgerufen mit Finisher T-Shirt und Medaille zurück in die Innenstadt zu kommen um die letzten Athleten zu feiern. Die gesamte Innenstadt platz vor Menschen. Jeder beglückwünscht mich, als hätte ich gewonnen. Die Cafés sitzen voll, es findet ein richtiges Stadtfest statt. Erst jetzt bemerke ich, dass wie in Roth fast alle Schaufenster geschmückt sind. Aus dem kleinen Kalmar starten 175 Einwohner! Beim Subway steht ein Pappaufsteller mit T-Shirt, Namen, Startnummer und dem Gesicht der Mitarbeiterin - genial. Die Stadt feiert ihre Teilnehmer und die Gäste aus aller Welt. Die Tribünen sind noch immer Restlos gefüllt, die Streckenposten leisten Rekordarbeit, mir wird erzählt, dass auch um 23noch alle Getränkestationen auf der Laufstrecke besetzt sind. Wie in Roth: Mehr Helfer als Teilnehmer! Die örtlichen Veranstalter scheinen vieles richtig zu machen.

Danke Ironman, danke Kalmar, danke Schweden! Ein tolles Erlebnis!

moorii 19.08.2018 09:58

Toller Bericht,
Herzlichen Glückwunsch zum Finish,
Vielen Dank

Hafu 19.08.2018 09:59

Zitat:

Zitat von JENS-KLEVE (Beitrag 1399893)
...

Sehr schöner, authentischer Bericht!:Blumen:

Jetzt habe ich mit deiner lebendigen Schilderung der Stimmung in Kalmar spontan Lust auf das Rennen bekommen, obwohl ich mich wegen der flachen Radstrecke bisher nur am Rande für Kalmar interessiert habe. Kommt auf die Bucket-List.

Dir auch herzlichen Glückwunsch fürs Finish.

mcbert 19.08.2018 10:14

Gratuliere, da will man sich beim lesen ja gleich anmelden.

Claus Thaler 19.08.2018 10:16

Danke für den tollen Bericht!

FlyLive 19.08.2018 10:25

Zitat:

Zitat von mcbert (Beitrag 1399898)
Gratuliere, da will man sich beim lesen ja gleich anmelden.

Absolut :liebe053:

Toll geschrieben Jens ! Wenn die Stimmung und das Feeling nur halb so gut ist, wie Du es beschreibst, dann ist IM Kalmar fast ein MUSS für jeden Sportler.

Ein paar Abweichungen gibt es natürlich - ansonsten könnte man meinen Du beschreibst den Ostseeman :Lachen2:

Ich hoffe, du bist mit einer Finisherzeit zufrieden :Blumen:

JENS-KLEVE 19.08.2018 10:30

Oh hoppla - Ergebnisse!

Schwimmen: 1:19:50 3,9km (Veranstalter)
Radfahren: 5:37:14 181km (Strava/Garmin)
Laufen: 4:44:30 42,2 km (Garmin)

11:52:24

Ich hätte eigentlich gerne die 11:30 - ging halt nicht, aber bin damit dicke in der vorderen Hälfte aller Teilnehmer

Training 2018:
137km
11446km
1343km

BunteSocke 19.08.2018 10:43

Vielen Dank für den Gänsehaut-Bericht!!! :Blumen:

Ich war 2016 selbst als Teilnehmer in Kalmar dabei ... und würde jeder Zeit wieder dort starten! Tolle Strecken, grandiose Helfer, eine unfassbare Stimmung, selbst auf den 180 von mir ursprünglich recht einsam erwarteten Rad-Kilometern :Huhu:

(vielleicht liegt es 2020 ja ferientechnisch wieder günstig...)


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