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Erich Kästner
Das letzte Kapitel
Am 12. Juli des Jahres 2003 lief folgender Funkspruch rund um die Erde: dass ein Bombengeschwader der Luftpolizei die gesamte Menschheit ausrotten werde. Die Weltregierung, so wurde erklaert, stelle fest, dass der Plan, endgueltig Frieden zu stiften, sich gar nicht anders verwirklichen laesst, als alle Beteiligten zu vergiften. Zu fliehen, wurde erklaert, habe keinen Zweck. Nicht eine Seele duerfe am Leben bleiben. Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck. Man habe nicht einmal noetig, sich selbst zu entleiben. Am 13. Juli flogen von Boston eintausend mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort und vollbrachten, rund um den Globus sausend, den von der Weltregierung befohlenen Mord. Die Menschen krochen winselnd unter die Betten. Sie stuerzten in ihre Keller und in den Wald. Das Gift hing gelb wie Wolken ueber den Staedten. Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt. Jeder dachte, er koenne dem Tod entgehen. Keiner entging dem Tod, und die Welt wurde leer. Das Gift war ueberall. Es schlich wie auf Zehen. Es lief die Wuesten entlang. Und es schwamm uebers Meer. |
Der Mensch ist gut / Erich Kästner
Der Mensch ist gut
Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! In Lesebuechern schmeckt das wie Kompott. Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hoert, vom lieben Gott. Einschraenkungshalber spricht man zwar von Kriegen. Wohl weil der letzte Krieg erst neulich war ... Doch: liess man denn die Krueppel draussen liegen? Die Witwen kriegten sogar Honorar! Der Mensch ist gut! Wenn er noch besser waere, waer er zu gut fuer die bescheidne Welt. Auch die Moral hat ihr Gesetz der Schwere: Der schlechte Kerl kommt hoch - der Gute faellt. Das ist so, wie es ist, geschickt gemacht. Gott will es so. Not lehrt bekanntlich beten. Er hat sich das nicht uebel ausgedacht und laesst uns um des Himmels Willen treten. Der Mensch ist gut. Und darum geht's ihm schlecht. Denn wenn's ihm besser ginge, waer er boese. Drum betet: 'Herr Direktor, quael uns recht!' Gott will es so. Und sein System hat Groesse. Der Mensch ist gut. Drum haut ihm in die Fresse! Drum seid so gut: und seid so schlecht, wie's geht! Drueckt Loehne! Zelebriert die Leipziger Messe! Der Himmel hat fuer sowas immer Interesse. - Der Mensch bleibt gut, weil ihr den Kram versteht. |
Kleine Sonntagspredigt - Erich Kästner
KLEINE SONNTAGSPREDIGT
Jeden Sonntag hat man Kummer und betraechtlichen Verdruss, weil man an die Montagsnummer seiner Zeitung denken muss. Denn am Sonntag sind bestimmt zwanzig Morde losgewesen! Wer sich Zeit zum Lesen nimmt, muss das montags alles lesen. Eifersucht und Niedertracht schweigen fast die ganze Woche. Aber Sonntag frueh bis nacht machen sie direkt Epoche. Sonst hat niemand Zeit dazu, sich mit sowas zu befassen. Aber sonntags hat man Ruh, und man kann sich gehen lassen. Endlich hat man einmal Zeit, geht spazieren, steht herum, sucht mit seiner Gattin Streit und bringt sie und alle um. Gibt es wirklich nichts Gescheitres, als sich, gleich gemeinen Moerdern, mit den Seinen ohne weitres in das Garnichts zu befoerdern? Ach, die meisten Menschen sind nicht geeignet, nichts zu machen! Langeweile macht sie blind. Dann passieren solche Sachen. Lebten sie im Paradiese, ohne Pflicht und Ziel und Not, waer die erste Folge diese: Alle schluegen alle tot. |
Selbstmord im Familienbad - Erich Kästner
Selbstmord im Familienbad
Hier bist du. Und dort ist die Natur. Leider ist Verschiedenes dazwischen. Bis zu dir herueber wagt sich nur ein Parfuem aus Blasentang und Fischen. Zwischen deinen Augen und dem Meer, das sich sehnt, von dir erblickt zu werden, laufen dauernd Menschen hin und her. Und ihr Anblick macht dir Herzbeschwerden. Freigelassne Baeuche und Popos stehn und liegen kreuz und quer im Sande. Dicke Tanten senken die Trikots und sehn aus wie Quallen auf dem Lande. Wo man hinschaut, wird den Augen schlecht, und man schliesst sie fest, um nichts zu sehen. Doch dann sieht man dies und das erst recht. Man beschliesst, es muesse was geschehen. Wuetend stuerzt man ueber tausend Leiber, bis ans Meer, und dann sogar hinein ? doch auch hier sind dicke Herrn und Weiber. Fett schwimmt oben. Muss das denn so sein? Traurig haengt man in den gruenen Wellen, vor der Nase eine Frau in Blond. Ach, das Meer hat nirgends freie Stellen, und das Fett verhuellt den Horizont. Hier bleibt keine Wahl, als zu ersaufen! Und man macht sich schwer wie einen Stein. Langsam laesst man sich voll Wasser laufen. Auf dem Meeresgrund ist man allein. |
:Blumen:
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Erich Kaestner
Es laeuten die Glocken
Wenn im Turm die Glocken laeuten, kann das viererlei bedeuten. Erstens: dass ein Festtag ist. Dann: dass du geboren bist. Drittens: dass dich jemand liebt. Viertens: dass dich's nicht mehr gibt. Kurz und gut, das Glockenlaeuten hat nur wenig zu bedeuten. |
In dieser Woche vor 36 Jahren ist Erich Kaestner gestorben
Als Gott am ersten Wochenende
die Welt besah, und siehe, sie war gut, da rieb er sich vergnuegt die Haende. Ihn packte eine Art von Uebermut. Er blickte stolz auf seine Erde und sah Tuberkeln, Standard Oil und Waffen. Da kam aus Deutschland die Beschwerde: 'Du hast versaeumt, uns Fuehrer zu erschaffen!' Gott war bestuerzt. Man kann's verstehn. 'Mein liebes deutsches Vol', schrieb er zurueck, 'es muss halt ohne Fuehrer gehn. Die Schoepfung ist vorbei. Gruess Gott. Viel Glueck.' Nun standen wir mit Ohne da, der Weltgeschichte freundlichst ueberlassen. Und: Alles, was seitdem geschah, ist ohne diesen Hinweis nicht zu fassen. |
:Lachen2: :Blumen:
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ERICH KAESTNER: Monolog in der Badewanne
Monolog in der Badewanne
Da liegt man nun, so nackt, wie man nur kann, hat Seife in den Augen, welche stoert, und merkt, aufs Haar genau: Man ist ein Mann. Mit allem, was dazugehoert. Es scheint, die jungen Maedchen haben recht, wenn sie - bevor sie die Gewohnheit packt - der Meinung sind, das maennliche Geschlecht sei kaum im Hemd ertraeglich. Und gar nackt! Gluecklicherweise steht's in ihrer Hand, das, was sie stoert, erfolgreich zu verstecken. So frueh am Tag, und schon soviel Verstand! Genug, mein Herr! Es gilt, sich auszustrecken. Da liegt man, ohne Portemonnaie und Hemd und hat am ganzen Leibe keine Taschen. Ganz ohne Anzug wird der Mensch sich fremd ... Da traeumt man nun, anstatt den Hals zu waschen. Der nackte Mensch kennt keine Klassenfrage. Man koennte, falls man Tinte haette, schreiben: 'Ich kuendige. Auf meine alten Tage will ich in meiner Badewanne bleiben.' Da klingelt es. Das ist die Morgenzeitung. Und weil man nicht, was nach dem Tod kommt, kennt, schreibt man am besten in sein Testament: 'Legt mir ins kuehle Grab Warmwasserleitung!' |
Nachschlag von Robert Gernhardt ...
BILDEN SIE MAL EINEN SATZ MIT PERVERS:
Ja meine Reime sind recht teuer: per Vers bekomm ich tausend Eier. |
Erich Kästner - Das Gebet keiner Jungfrau
Das Gebet keiner Jungfrau
Ich koennte gleich das Telefon ermorden! Nun hat er, sagt er, wieder keine Zeit. Ein ganzer Mensch bin ich nur noch zu zweit. Ach, eine Haelfte ist aus mir geworden. Ich glaube fast, er will mich manchmal kraenken. Es schmeichelt ihm vielleicht, dass er es kann? Wenn ich dann traurig bin, sieht er mich an, als wuerde ich ihm etwas Huebsches schenken. Dass er mich lieb hat, ist hoechst unwahrscheinlich. Ich habe ihn einmal darnach gefragt. Das war im Bett. Und er hat nichts gesagt. Er gab mir Kuesse. Denn es war ihm peinlich. Es waer schon schoener, wenn es schoener waere und wenn er mich so liebte, wie ich ihn. Er liebt mich nicht. Obwohl es erst so schien. Mein Koerper geht bei seinem in die Lehre. Mama sagt oft, ich moege mich benehmen. Sie ahnt etwas. Und redet gern von Scham. Ich wollte alles so, wie alles kam! Man kann sich doch nicht nur pro forma schaemen. Er ist schon Dreissig und kennt viele Damen. Er trifft sie manchmal. Und erinnert sich. Und eines Tages trifft er dann auch mich. Und gruesst. Und weiss schon nicht mehr meinen Namen. Zwei Dutzend Kinder moecht ich von ihm haben. Da lacht er nur und sagt, ich kriegte keins. Er weiss Bescheid. Und kaeme wirklich eins, muesst ich es ja vor der Geburt begraben. Ich hab ihn lieb und will, dass es so bliebe. Es bleibt nicht so, und naechstens ist es aus. Dann weine ich. Und geh nicht aus dem Haus. Und nehme acht Pfund ab. Das ist die Liebe. |
Erich Kaestner
Die unzufriedene Strassenbahn
Sie hasste die gewohnte Strecke, sprang aus dem Schienenstrang heraus und wollte endlich einmal gradeaus, statt um die Ecke. Ein Unglueck gab's. Und keine Reise. Erinnert euch, bis ihr es wisst: Wenn man als Strassenbahn geboren ist, dann braucht man Gleise. |
ERICH KAESTNER: Der dreizehnte Monat
Der dreizehnte Monat
Wie saeh er aus, wenn er sich wuenschen liesse? Schaltmonat waer? Vielleicht Elfember hiesse? Wem zwoelf genuegen, dem ist nicht zu helfen. Wie saeh er aus, der dreizehnte von zwoelfen? Der Fruehling muesste bluehn in holden Dolden. Jasmin und Rosen haetten Sommerfest. Und Aepfel hingen, muerb und rot und golden, im Herbstgeaest. Die Tannen traeten unter weissbeschneiten Kroatenmuetzen aus dem Birkenhain und kauften auf dem Markt der Jahreszeiten Maigloeckchen ein. Adam und Eva laegen in der Wiese. Und liebten sich in ihrem Veilchenbett, als ob sie niemand aus dem Paradiese vertrieben haett. Das Korn waer gelb. Und blau waeren die Trauben. Wir traeumten, und die Erde waer der Traum. Dreizehnter Monat, lass uns an dich glauben! Die Zeit hat Raum! Verzeih, dass wir so kuehn sind, dich zu schildern. Der Schleier weht. Dein Antlitz bleibt verhuellt. Man macht, wir wissen's, aus zwoelf alten Bildern kein neues Bild. Drum schaff dich selbst! Aus unerhoerten Toenen! Aus Farben, die kein Regenbogen zeigt! Pluendre den Schatz des ungeschehen Schoenen! Du schweigst? Er schweigt. Es tickt die Zeit. Das Jahr dreht sich im Kreise. Und werden kann nur, was schon immer war. Geduld, mein Herz. Im Kreise geht die Reise. Und dem Dezember folgt der Januar. |
ERICH KAESTNER: Kennst Du das Land, wo die Kanonen bluehn?
Kennst Du das Land, wo die Kanonen bluehn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen! Dort stehn die Prokuristen stolz und kuehn in den Bueros, als waeren es Kasernen. Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknoepfe. Und unsichtbare Helme traegt man dort. Gesichter hat man dort, doch keine Koepfe. Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort! Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will - und es ist sein Beruf etwas zu wollen - steht der Verstand erst stramm und zweitens still. Die Augen rechts! Und mit dem Rueckgrat rollen! Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen und mit gezognem Scheitel auf die Welt. Dort wird man nicht als Zivilist geboren. Dort wird befoerdert, wer die Schnauze haelt. Kennst Du das Land? Es koennte gluecklich sein. Es koennte gluecklich sein und gluecklich machen! Dort gibt es Aecker, Kohle, Stahl und Stein und Fleiss und Kraft und andre schoene Sachen. Selbst Geist und Guete gibt's dort dann und wann! Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen. Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann. Das will mit Bleisoldaten spielen. Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie gruen. Was man auch baut - es werden stets Kasernen. Kennst Du das Land, wo die Kanonen bluehn? Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen! |
Elegie mit Ei - Erich Kästner
Elegie mit Ei
Es ist im Leben haesslich eingerichtet, dass nach den Fragen Fragezeichen stehn. Die Dinge fuehlen sich uns keineswegs verpflichtet; sie laecheln nur, wenn wir voruebergehn. Wer weiss, fragt Translateur, was Blumen traeumen? Wer weiss, ob blonde Neger haeufig sind? Und wozu waechst das Obst auf meterhohen Baeumen? Und wozu weht der Wind? Wir wolln der Zukunft nicht ins Fenster gaffen. Sie liegt mit der Vergangenheit zu Bett. Die ersten Menschen waren nicht die letzten Affen. Und wo ein Kopf ist, ist auch meist ein Brett. Wir werden spaeter jung als unsre Vaeter. Und das was frueher war, faellt uns zur Last. Wir sind die kleinen Erben grosser Uebeltaeter. Sie luden uns bei ihrer Schuld zu Gast. Sie wollten Streit. Und uns gab man die Pruegel. Sie spielten gern mit Flinte, Stolz und Messer. Wir saeen Gras auf Eure Feldherrnhuegel. Wir werden langsam. Doch wir werden besser! Wir wollen wieder mal die Tradition begraben. Sie sass am Fenster. Sie ward uns zu dick. Wir wollen endlich unsre eigne Aussicht haben und Platz fuer unsern Blick. Wir wollen endlich unsre eignen Fehler machen. Wir sind die Jugend, die an nichts mehr glaubt und trotzdem Mut zur Arbeit hat. Und Mut zum Lachen. Kennt Ihr das ueberhaupt? Beginnt ein Anfang? Stehen wir am Ende? Wir lachen hunderttausend Raetseln ins Gesicht. Wir spucken - pfui, Herr Kaestner - in die Haende und gehn an unsre Pflicht. |
Die Welt ist rund - Erich Kästner
Die Welt ist rund. Denn dazu ist sie da.
Ein Vorn und Hinten gibt es nicht. Und wer die Welt von hinten sah, der sah ihr ins Gesicht! Zwar gibt es Traum und Mondenschein und irgendwo auch eine kleine Stadt. Das ist nicht anders. Denn das muss so sein. Und wenn du tot bist, wirst du davon satt. Mensch, werde rund, Direktor und borniert. Trag sonntags Frack und Esse. Und wenn dich wer nicht respektiert, dann hau ihm in die Fresse. Sei dumm. Doch sei es mit Verstand. Je duemmer, desto klueger. Tritt morgen in den Schutzverband. Duz dich mit Schulz und Krueger. Nimm ihre Frauen oft zum Uebernachten. Das ist so ueblich. Und heisst Freiverkehr. Es lohnt sich nicht, die Menschen zu verachten. Und weil die Welt bewohnt wird, ist sie leer. Es gibt im Sueden Gaerten mit Zypressen. Wer keine Lunge hat, wird dort gesund. Wer nichts verdient, der braucht auch nicht zu essen. Normale Kinder wiegen neu acht Pfund. Du darfst dich nicht zu oft bewegen lassen, den andern Menschen ins Gesicht zu spein. Meist lohnt es nicht, sich damit zu befassen. Sie sind nicht boese. Sie sind nur gemein. Ja, wenn die Welt vielleicht quadratisch waer! Und alle Dummen fielen ins Klosett! Dann gaeb es keine Menschen mehr. Dann waer das Leben nett. Wie dann die Amseln und die Veilchen lachten! Die Welt bleibt rund. Und du bleibst ein Idiot. Es lohnt sich nicht, die Menschen zu verachten. Nimm einen Strick. Und schiess dich damit tot. |
Wieso warum? Erich Kästner
Wieso warum?
Warum sind tausend Kilo eine Tonne? Warum ist dreimal Drei nicht Sieben? Warum dreht sich die Erde um die Sonne? Warum heisst Erna Erna statt Yvonne? Und warum hat das Luder nicht geschrieben? Warum ist Professoren alles klar? Warum ist schwarzer Schlips zum Frack verboten? Warum erfaehrt man nie, wie alles war? Warum bleibt Gott grundsaetzlich unsichtbar? Und warum reissen alte Herren Zoten? Warum darf man sein Geld nicht selber machen? Warum bringt man sich nicht zuweilen um? Warum traegt man im Winter Wintersachen? Warum darf man, wenn jemand stirbt, nicht lachen? Und warum fragt der Mensch bei jedem Quark: Warum? |
Auf einer kleinen Bank vor einer grossen Bank - Erich Kästner
Auf einer kleinen Bank vor einer grossen Bank
Worauf mag die Gabe des Fleisses, die der Deutsche besitzt, beruhn? Deutsch sein heisst (der Deutsche weiss es) Dinge um ihrer selbst willen tun. Wenn er spart, dann nicht deswegen, dass er spaeter davon was hat. Nein, ach nein! Geld hinterlegen findet ohne Absicht statt. Uns erfreut das blosse Sparen. Geld persoenlich macht nicht froh. Regelmaessig nach paar Jahren klaut ihr's uns ja sowieso. Nehmt denn hin, was wir ersparten! Und verludert's dann und wann! Und erfindet noch paar Arten, wie man pleite gehen kann! Wieder ist es euch gelungen. Wieder sind wir auf dem Hund. Unser Geld hat ausgerungen. Ihr seid hoffentlich gesund. Heiter stehn wir vor den Banken. Armut ist der Muehe Lohn. Bitte, bitte, nichts zu danken! Keine Angst, wir gehen schon. Und empfindet keine Reue! Leider wurdet ihr ertappt. Doch wir halten euch die Treue. Und dann sparen wir aufs neue, bis es wieder mal so klappt. |
Der Oktober - Erich Kästner
Der Oktober
Froestelnd geht die Zeit spazieren. Was vorueber schien, beginnt. Chrysanthemen bluehn und frieren. Froestelnd geht die Zeit spazieren. Und du folgst ihr wie ein Kind. Geh nur weiter. Bleib nicht stehen. Kehr nicht um, als sei's zuviel. Bis ans Ende musst du gehen. Hadre nicht mit den Alleen. Ist der Weg denn schuld am Ziel? Geh nicht wie mit fremden Fuessen, und als haett'st du dich verirrt. Willst du nicht die Rosen gruessen? Lass den Herbst nicht dafuer buessen, dass es Winter werden wird. An den Wegen, in den Wiesen leuchten, wie auf gruenen Fliesen, Baeume bunt und blumenschoen. Sind's Buketts fuer sanfte Riesen? Geh nur weiter. Bleib nicht stehn. Blaetter tanzen sterbensheiter ihre letzten Menuetts. Folge folgsam dem Begleiter. Bleib nicht stehen. Geh nur weiter. Denn das Jahr ist dein Gesetz. Nebel zaubern in der Lichtung eine Welt des Ungefaehrs. Raum wird Traum. Und Rauch wird Dichtung. Folg der Zeit. Sie weiss die Richtung. 'Stirb und werde!' nannte er's. |
Die Zeit faehrt Auto - Erich Kaestner
Die Zeit faehrt Auto
Die Staedte wachsen. Und die Kurse steigen. Wenn jemand Geld hat, hat er auch Kredit. Die Konten reden. Die Bilanzen schweigen. Die Menschen sperren aus. Die Menschen streiken. Der Globus dreht sich. Und wir drehn uns mit. Die Zeit faehrt Auto. Doch kein Mensch kann lenken. Das Leben fliegt wie ein Gehoeft vorbei. Minister sprechen oft vom Steuersenken. Wer weiss, ob sie im Ernste daran denken? Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei. Die Kaeufer kaufen. Und die Haendler werben. Das Geld kursiert, als sei das seine Pflicht. Fabriken wachsen. Und Fabriken sterben. Was gestern war, geht heute schon in Scherben. Der Globus dreht sich. Doch man sieht es nicht. |
Ein Hund haelt Reden - Erich Kaestner
Ein Hund haelt Reden
Ich hab im Traum mit einem Hund gesprochen. Erst sprach er spanisch. Denn dort war er her. Weil ich ihn nicht verstand - das merkte er - sprach er dann deutsch, wenn auch etwas gebrochen. Er sah mich ganz entsetzt die Haende falten und sagte freundlich: 'Kaestner, wissen Sie, warum die Tiere ihre Schnauze halten?' Ich schwieg. Und war verlegen wie noch nie. Der Hund sprach durch die Nase und fuhr fort: 'Wir koennen sprechen. Doch wir tun es nicht. Und wer, ausser im Traum, mit Menschen spricht, den fressen wir nach seinem ersten Wort.' Ich fragte ihn natuerlich nach dem Grund. (Ich glaube nichts, was man mir nicht erklaert.) Da sagte mir denn der getraeumte Hund: 'Das ist doch klar! Der Mensch ist es nicht wert, dass man gesellschaftlich mit ihm verkehrt.' Er hob sein Bein, sprang flink durch krumme Gassen ... Und so etwas muss man sich sagen lassen! |
Lob der Volksvertreter VON ERICH KAESTNER
Lob der Volksvertreter
Man haelt sie, wenn sie schweigen, fuer Gelehrte. Nur ist das Schweigen gar nicht ihre Art. Sie haben vor der Brust Apostelbaerte und auf den Eisenbahnen freie Fahrt. Ihr seht sie eilends in den Reichstag schreiten. Das Wohl des Volkes foerdert ihren Gang. Und wuerdet Ihr sie noch ein Stueck begleiten, dann merktet Ihr: sie gehn ins Restaurant. Sie fuerchten Spott, sonst nichts auf dieser Welt! Und wenn sie etwas tun, dann sind es Fehler. Es ist, zum Glueck, nicht alles Hund, was bellt. Sie fuerchten nur die Wahl und nicht die Waehler. Ihr Leben waehret zirka siebzig Jahre, und wenn es hochkommt -. Doch das tut es nie! Das Volk steht auf vor jedem grauen Haare. Das Volk steht immer auf! Das wissen sie. |
Die Existenz im Wiederholungsfalle - Erich Kästner
Die Existenz im Wiederholungsfalle
Man muesste wieder sechzehn Jahre sein und alles, was seitdem geschah, vergessen. Man muesste wieder seltne Blumen pressen und (weil man waechst) sich an der Tuere messen und auf dem Schulweg in die Tore schrein. Man muesste wieder nachts am Fenster stehn und auf die Stimmen der Passanten hoeren, wenn sie den leisen Schlaf der Strassen stoeren. Man muesste sich, wenn einer luegt, empoeren und ihm fuenf Tage aus dem Wege gehn. Man muesste wieder durch den Stadtpark laufen. Mit einem Maedchen, das nach Hause muss und kuessen will und Angst hat vor dem Kuss. Man muesste ihr und sich, vor Ladenschluss, fuer zwei Mark fuenfzig ein Paar Ringe kaufen. Man wuerde seiner Mutter wieder schmeicheln, weil man zum Jahrmarkt ein paar Groschen braucht. Man saehe dann den Mann, der lange taucht. Und einen Affen, der Zigarren raucht. Und liesse sich von Riesendamen streicheln. Man liesse sich von einer Frau verfuehren und daechte stets: Das ist Herrn Nussbaums Braut. Man spuerte ihre Haende auf der Haut. Das Herz im Leibe schluege hart und laut, als schluegen nachts im Elternhaus die Tueren. Man saehe alles, was man damals sah. Und alles, was seit jener Zeit geschah, das wuerde nun zum zweitenmal geschehn ... Dieselben Bilder willst du wiedersehn? Ja! |
:Danke:
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Folgenschwere Verwechslung - Erich Kästner
Folgenschwere Verwechslung
Der Hinz und der Kunz sind rechte Toren: Lauschen offnen Munds, statt mit offnen Ohren! |
Erich Kaestner ...
Ganz besonders feine Damen
Sie tragen die Buesten und Nasen im gleichen Schritt und Tritt und gehen so zart durch die Strassen, als waeren sie aus Biskuit. Mit ihnen ist nicht zu spassen. Es ist, als truegen sie Vasen und wuessten nur nicht, womit. Sie scheinen sich stuendlich zu baden und sind nicht duenn und nicht dick. Sie haben Beton in den Waden und Halbgefrornes im Blick. Man haelt sie fuer Feen auf Reisen, doch kann man es nicht beweisen. Der Gatte hat eine Fabrik. Sie laufen auf heimlichen Schienen. Man weicht ihnen besser aus. Sie stecken die steifsten Mienen wie Fahnenstangen heraus. Man kann es ganz einfach nicht fassen, dass sie sich beissen lassen, in und ausser dem Haus ... Man koennte sich denken, sie stiegen mit Hueten und Maenteln ins Bett. Und stuenden im Schlaf, statt zu liegen. Und schaemten sich auf dem Klosett. Man koennte sich denken, sie liessen die Maenner alle erschiessen und kniffen sie noch ins Skelett. So schweben sie zwischen den Leuten wie Koeniginnen nach Mass. Doch hat das nichts zu bedeuten. Sie sind ja gar nicht aus Glas! Man kann sie, wie andre Frauen, verfuehren, verstehn und verhauen. Denn: fein sind sie nur zum Spass. |
Nasser November - Erich Kaestner
Nasser November
Ziehen Sie die aeltesten Schuhe an, die in Ihrem Schrank vergessen stehn! Denn Sie sollten wirklich dann und wann auch bei Regen durch die Strassen gehn. Sicher werden Sie ein bisschen frieren, und die Strassen werden trostlos sein. Doch trotz allem: gehn Sie nur spazieren! Und, wenn?s irgend moeglich ist, allein. Muede faellt der Regen durch die Aeste. Und das Pflaster glaenzt wie blauer Stahl. Und der Regen rupft die Blaetterreste. Und die Baeume werden alt und kahl. Abends tropfen hunderttausend Lichter zischend auf den glitschigen Asphalt. Und die Pfuetzen haben fast Gesichter. Und die Regenschirme sind ein Wald. Ist es nicht, als stiegen Sie durch Traeume? Und Sie gehn doch nur durch eine Stadt! Und der Herbst rennt torkelnd gegen Baeume. Und im Wipfel schwankt das letzte Blatt. Geben Sie ja auf die Autos acht. Gehn Sie, bitte, falls Sie friert, nach Haus! Sonst wird noch ein Schnupfen heimgebracht. Und -, ziehn Sie sofort die Schuhe aus! |
:Blumen: :Blumen:
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Die Baeume - Erich Kaestner
Die Baeume
Wir sitzen nicht auf Thronen. Uns schmeichelt nur der Wind. Wir haben dennoch Kronen, die schoener als eure sind. |
Klassenzusammenkunft. Erich Kästner
Klassenzusammenkunft.
Sie trafen sich, wie ehemals, im 1. Stock des Kneiplokals. Und waren zehn Jahr aelter. Sie tranken Bier. (Und machten Hupp!) Und wirkten wie ein Kegelklub. Und nannten die Gehaelter. Sie sassen da, die Beine breit, und sprachen von der Jugendzeit wie Wilde vom Theater. Sie hatten, wo man hinsah, Bauch, und Ehefrau'n hatten sie auch, und Fuenfe waren Vater. Sie tranken ruestig Glas auf Glas und hatten Koepfe bloss aus Spass und nur zum Huetetragen. Sie waren laut und waren wohl aus einem Guss, doch innen hohl, und hatten nichts zu sagen. Sie lobten schliesslich, haargenau, die Koerperformen ihrer Frau, den Busen und dergleichen ... Erst dreissig Jahr, und schon zu spaet! Sie sassen breit und aufgeblaeht wie nicht ganz tote Leichen. Da, gegen Schluss, erhob sich wer und sagte kurzerhand, dass er genug von ihnen haette. Er wuensche ihnen sehr viel Bart und hundert Kinder ihrer Art und gehe jetzt zu Bette. Den andern war es nicht ganz klar, warum der Kerl gegangen war. Sie strichen seinen Namen. Und machten einen Ausflug aus. Fuer Sonntag frueh. Ins Jaegerhaus. Doch dieses Mal mit Damen. |
:Cheese: kommt mir bekannt vor!
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Aktuelle Albumverse - Erich Kästner
Aktuelle Albumverse
Koepfe abschlagen ist nicht sehr klug. Die Stecknadel, der man den Kopf abschlug, fand, der Kopf sei voellig entbehrlich, und war nun vorn und hinten gefaehrlich. Die Huehner fuehlten sich ploetzlich verpflichtet, statt Eiern Apfeltoertchen zu legen. Die Sache zerschlug sich. Und zwar weswegen? Das Huhn ist auf Eier eingerichtet. (So wurde schon manche Idee vernichtet.) Unerhoerte Geldbetraege braucht man fuer die Arbeitskraefte! Lohn ist nichts als Armenpflege und verdirbt bloss die Geschaefte. |
Zugabe zum 2. Türchen am Adventskalender: Ringelnatz
Ein Nagel saß in einem Stück Holz
Ein Nagel saß in einem Stück Holz. Der war auf seine Gattin sehr stolz. Die trug eine goldene Haube Und war eine Messingschraube. Sie war etwas locker und etwas verschraubt, Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt. Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm In einem Astloch. Sie wurden intim. Kurz, eines Tages entfernten sie sich Und ließen den armen Nagel im Stich. Der arme Nagel bog sich vor Schmerz. Noch niemals hatte sein eisernes Herz So bittere Leiden gekostet. Bald war er beinah verrostet. Da aber kehrte sein früheres Glück, Die alte Schraube, wieder zurück. Sie glänzte übers ganze Gesicht. Ja, alte Liebe, die rostet nicht! |
Vorstadtstrassen - Erich Kästner
Vorstadtstrassen
Mit solchen Strassen bin ich gut bekannt. Sie fangen an, als waeren sie zu Ende. Trinkt Magermilch! steht gross an einer Wand, als ob sich das hier nicht von selbst verstaende. Es riecht nach Fisch, Kartoffeln und Benzin. In diesen Strassen duerfte niemand wohnen. Ein Fenster schielt durch schraege Jalousien. Und welke Blumen bluehn auf den Balkonen. Die Haeuser bilden Tag und Nacht Spalier und haben keine weitern Interessen. Seit hundert Jahren warten sie nun hier. Auf wen sie warten, haben sie vergessen. Die Nacht faellt wie ein grosses altes Tuch, von Licht durchloechert, auf die grauen Mauern. Ein paar Laternen gehen zu Besuch, und vor den Kellern sieht man Katzen kauern. |
Erich Kästner
Wie nun mal die Dinge liegen
und auch wenn es uns missfaellt: Menschen sind wie Eintagsfliegen an den Fenstern dieser Welt. Unterschiede sind fast keine, und was waer auch schon dabei! Nur, die Fliege hat sechs Beine, und der Mensch hat hoechstens zwei. |
Vorstadtstrassen - Erich Kästner
Vorstadtstrassen
Mit solchen Strassen bin ich gut bekannt. Sie fangen an, als waeren sie zu Ende. Trinkt Magermilch! steht gross an einer Wand, als ob sich das hier nicht von selbst verstaende. Es riecht nach Fisch, Kartoffeln und Benzin. In diesen Strassen duerfte niemand wohnen. Ein Fenster schielt durch schraege Jalousien. Und welke Blumen bluehn auf den Balkonen. Die Haeuser bilden Tag und Nacht Spalier und haben keine weitern Interessen. Seit hundert Jahren warten sie nun hier. Auf wen sie warten, haben sie vergessen. Die Nacht faellt wie ein grosses altes Tuch, von Licht durchloechert, auf die grauen Mauern. Ein paar Laternen gehen zu Besuch, und vor den Kellern sieht man Katzen kauern. |
Doppeltgemoppelt! :)
Aber trotzdem vielen Dank, ich mag die Kästner-Gedichte! |
Verhinderte Weihnachten - Erich Kästner
Verhinderte Weihnachten
Zunaechst verteile man die schoensten Rollen: Der Gustav eignet sich - weil er mutiert - zum Weihnachtsmann. Valeska baeckt die Stollen, indem sie Semmeln mit Rosinen ziert. Als Mutter laesst sich Frieda gut gebrauchen. Denn sie ist dick und traegt bereits Frisur. Und Karl muss Vater sein. Denn Karl kann rauchen. Und ausserdem besitzt er eine Uhr. Die andern Kinder koennen Kinder bleiben. Sie duerfen kratzen, Nasen ziehn und schrein und duerfen gern ein bisschen uebertreiben. Auch heulen duerfen sie. Doch nur zum Schein. Dann werden die Rouleaus herabgelassen, damit es dunkel wird und draussen schneit. Der Karl muss oefters an den Ofen fassen und murmeln: 'O du liebe Weihnachtszeit!' Und dann darf Gustav in das Zimmer treten. Als Weihnachtsmann. Mit einem weissen Bart. Und brummen muss er: 'Koennt ihr denn auch beten? Damit ich sehe, ob ihr artig wart!' Da muessen alle Kinder schrecklich lachen und rufen: Gustav sei kein Weihnachtsmann! Mit ihnen waere so was nicht zu machen! Da geht dann Gustav wieder nebenan. Jetzt muessen beide Eltern furchtbar zanken: Pfui! Das erlebten sie zum erstenmal! Und solche Eltern koennten sich bedanken! Und solche Kinder waeren ein Skandal! Zum Schluss muss Karl sich moeglichst ernst gebaerden, und man muss spueren, dass er es beklagt: 'Da unsre Kinder taeglich klueger werden' - erklaert er - 'wird die Feier abgesagt.' |
Zitat:
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Es laeuten die Glocken - Erich Kästner
Es laeuten die Glocken
Wenn im Turm die Glocken laeuten, kann das viererlei bedeuten. Erstens: dass ein Festtag ist. Dann: dass du geboren bist. Drittens: dass dich jemand liebt. Viertens: dass dich's nicht mehr gibt. Kurz und gut, das Glockenlaeuten hat nur wenig zu bedeuten. |
| Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 18:52 Uhr. |
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