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the grip 03.03.2015 11:39

Heinrich Heine:
 
Niedergeschrieben in einem Exemplar von Goethes „Faust“

Dieses Buch sei dir empfohlen,
Lese nur, wenn du auch irrst:
Doch wenn du’s verstehen wirst,
Wird dich auch der Teufel holen.

the grip 05.03.2015 11:44

Wilhelm Busch:
 
Die Lehre von der Wiederkehr
Ist zweifelhaften Sinns.
Es fragt sich sehr, ob man nachher
Noch sagen kann: Ich bin’s.

Allein was tut’s, wenn mit der Zeit
Sich ändert die Gestalt?
Die Fähigkeit zu Lust und Leid
Vergeht wohl nicht so bald.

the grip 08.03.2015 16:25

Charles Bukowski:
 
Ruhestörung

Es war Sonntagmorgen
kurz vor halb elf
als sie mich raus-
klingelten.

Ich zog den Bademantel meines
toten Vaters über, an dem
der eine Ärmel fehlte,
und machte auf.

Eine Frau mit Sonnenbrille
und ein Mann.

„Wie geht es Ihnen heute?“
fragte er.

„Nicht besonders.“

Er hielt mir ein paar
fromme Broschüren hin.

„Nein danke. Will ich nicht.“

„Uns hat alle derselbe
Schöpfer gemacht“, sagte er.

„Ich bin hier der
Schöpfer“, sagte ich und
machte die Tür zu.

Sie gingen nach hinten zu
dem anderen Trinker
und drückten bei ihm
auf die Klingel.

Er schrie sie an, sie
sollten ihn gefälligst
in Ruhe lassen, Herrgott
sack.

Der liebe Gott kuriert
dir keinen Kater.

the grip 10.03.2015 11:28

Heinrich Heine:
 
Kaum hab ich die Welt zu schaffen begonnen.
In einer Woche war’s abgetan.
Doch hatt ich vorher tief ausgesonnen
Jahrtausendelang den Schöpfungsplan.

Das Schaffen selbst ist eitel Bewegung,
Das stümpert sich leicht in kurzer Frist;
Jedoch der Plan, die Überlegung,
Das zeigt erst, wer ein Künstler ist.

Ich hab allein dreihundert Jahre
Tagtäglich drüber nachgedacht,
Wie man am besten Doctores Juris
Und gar die kleinen Flöhe macht.

the grip 12.03.2015 12:59

Goethe:
 
Gingo Biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie's den Wissenden erbaut,

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei? die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?

Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn:
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

the grip 15.03.2015 14:11

Kerstin Hensel:
 
Schatten Riß

Jetzt haben wir uns
Eine Sonne geschaffen und haben sie über
Uns angemacht und sind dann
Druntergestanden bis wir Bilder warfen
Die Welten glichen und da lobten wir uns
Unkenntlich lang
Wuchsen wir und liefen
Breit, taub und lichtlos, und da ist was
Dazwischen
Gekommen
Und das geht mitten durch
Uns.

the grip 17.03.2015 18:48

Wolf Wondratschek:
 
Ewige Liebe

Er hat gesagt,
diese Nacht dauert ein Leben.
Da hat sie sich hingegeben.
So haben sie eine Nacht
Verbracht.

the grip 19.03.2015 10:48

Lessing:
 
Das Paradies

Sein Glück für einen Apfel geben.
O Adam, welche Lüsternheit!
Statt deiner hätt' ich sollen leben,
so wär' das Paradies noch heut. –

Wie aber, wenn alsdann die Traube
Die Probefrucht gewesen wär'?
Wie da, mein Freund? – Ei nun, ich glaube –
Das Paradies wär' auch nicht mehr.

the grip 20.03.2015 10:43

Ringelnatz:
 
Ich bin das Riesenkrokodil.
Meine Großmutter war ein Drachen.
Ich verschlucke, wenn ich will,
Einen Esel und noch größere Sachen.

Ich liege oft tausende Jahre still
Und klappere dann mit den Zähnen.
Ich bin das Riesenkrokodil.
Ich kann entsetzlich gähnen.

Klapp klapp
Schnapp schnapp
Uohahhh …

the grip 21.03.2015 12:16

Christian Morgenstern:
 
Unter Zeiten

Das Perfekt und das Imperfekt
tranken Sekt.
Sie stießen aufs Futurum an
(was man wohl gelten lassen kann).

Plusquamper und Exaktfutur
blinzten nur.

the grip 22.03.2015 20:06

Wilhelm Busch:
 
Daneben

Stoffel hackte mit dem Beile.
Dabei tat er sich sehr wehe,
Denn er traf in aller Eile
Ganz genau die große Zehe.

Ohne jedes Schmerzgewimmer,
Nur mit Ruh, mit einer festen,
Sprach er: Ja, ich sag es immer,
Nebenzu trifft man am besten.

the grip 24.03.2015 10:42

Wilhelm Busch:
 
Zauberschwestern

Zwiefach sind die Phantasien,
Sind ein Zauberschwesternpaar,
Sie erscheinen, singen, fliehen
Wesenlos und wunderbar.

Eine ist die himmelblaue,
Die uns froh entgegenlacht,
Doch die andre ist die graue,
Welche angst und bange macht.

Jene singt von lauter Rosen,
Singt von Liebe und Genuß;
Diese stürzt den Hoffnungslosen
Von der Brücke in den Fluß.

the grip 25.03.2015 12:27

Joseph von Eichendorffs:
 
Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
die Erde still geküßt,
daß sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschen leis die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

the grip 26.03.2015 11:49

Heinrich Heine:
 
Mythologie

Ja, Europa ist erlegen –
Wer kann Ochsen widerstehen?
Wir verzeihen auch Danäen –
Sie erlag dem goldnen Regen!

Semele ließ sich verführen –
Denn sie dachte: eine Wolke,
Ideale Himmelswolke,
Kann uns nicht kompromittieren.

Aber tief muss uns empören
Was wir von der Leda lesen –
Welche Gans bist du gewesen,
Dass ein Schwan dich konnt betören!

the grip 29.03.2015 21:12

Ludwig Thoma:
 
Der Alte

Mein alter Hut aus jungen Tagen,
So keck die Krampe aufgeschlagen,
Stülpt‘ ich vorzeiten dicht aufs Ohr;
Da wußten sie in jeder Gasse,
Wie grimmig ich die Fürsten hasse,
Und hatten ihre Angst davor.

So du wie ich, wir beide waren
Ein Schrecken den Philisterscharen,
Sie sahen recht. Der Heckerhut
Weckt die verwegensten Gedanken
Und Wünsche ohne Ziel und Schranken
Und heißen Drang und Übermut.

Doch hinterdrein kam der Zylinder
Und dürre Zeit und Weib und Kinder,
Die schöne Jugend war vorbei.
Du lagst in einer Waschkommode,
Ich suchte nach dem lieben Brote,
Die Schaben fraßen an uns zwei.

the grip 31.03.2015 14:39

Heinrich Heine:
 
Mir träumt‘: ich bin der liebe Gott,
Und sitz im Himmel droben,
Und Englein sitzen um mich her,
Die meine Verse loben.

Und Kuchen ess ich und Konfekt
Für manchen lieben Gulden,
Und Kardinal trink ich dabei,
Und habe keinen Schulden.

Doch Langeweile plagt mich sehr,
Ich wollt, ich wär auf Erden,
Und wär ich nicht der liebe Gott,
Ich könnt des Teufels werden.

Klugschnacker 31.03.2015 15:37

Sehr schön! Drum handelte schon Eva auf die einzige vernünftige Weise, indem sie in den Apfel biss.
:Lachen2:

the grip 02.04.2015 11:00

Hermann Hesse:
 
Ich liebe Frauen –

Ich liebe Frauen, die vor tausend Jahren
Geliebt von Dichtern und besungen waren.

Ich liebe Städte, deren leere Mauern
Königsgeschlechter alter Zeiten betrauern.

Ich liebe Städte, die erstehen werden,
Wenn niemand mehr von heute lebt auf Erden.

Ich liebe Frauen – schlanke, wunderbare,
Die ungehorsam ruhn im Schoß der Jahre.
Sie werden einst mit ihrer sternenbleichen
Schönheit der Schönheit meiner Träume gleichen.

the grip 06.04.2015 18:24

Joachim Ringelnatz:
 
Wend die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
„Glockenklingen“ sich auf „Lenzesschwingen“
Endlich reimt,
Und der Osterhase hinten auch schon presst,
Dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzesschwingen, – – –
Dann mit jenen Dichterlingen
Und mit deren jugendlichen Bräuten
Draussen schwelgen mit berauschten Händen – – –
Ach, das denk ich mir entsetzlich,
Ausserdem - unter Umständen –
Ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme
Durch geheime Gänge und Gedärme
In die Zukunft zieht
Und wie dankbar wir für solchen Segen
Sein müssen.

Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
Die so langgezogene Kugeln legen.

the grip 07.04.2015 19:03

Christian Morgenstern:
 
Der Aesthet

Wenn ich sitze, will ich nicht
sitzen, wie mein Sitz-Fleisch möchte,
sondern wie mein Sitz-Geist sich,
säße er, den Stuhl sich flöchte.

Der jedoch bedarf nicht viel,
schätzt am Stuhl allein den Stil,
überläßt den Zweck des Möbels
ohne Grimm der Gier des Pöbels.

the grip 09.04.2015 18:19

Gotthold Ephraim Lessing:
 
Die Haushaltung

Zankst du schon wieder? sprach Hans Lau
Zu seiner lieben Ehefrau.
„Versoffner, unverschämter Mann“ -- -- --
Geduld, mein Kind, ich zieh’ mich an – --
„Wo nun schon wieder hin?“
Zu Weine. Zank’ du alleine.

„Du gehst? -- -- Verdammtes Kaffeehaus!
Ja! blieb’ er nur die Nacht nicht aus.

Gott! ich soll so verlassen sein? –
Wer pocht? -- -- Herr Nachbar? -- -- nur herein!
Mein böser Teufel ist zu Weine:
Wir sind alleine.“

bellamartha 09.04.2015 19:35

Eduard Mörike
 
Ich mag es noch, mag es immer wieder:




∼ Er ist's ∼

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

bellamartha 09.04.2015 19:48

Er ist's wurde von den jungen Dichtern und Denkern auch vertont. Ich finde aber kein Video davon. Deshalb hier ein Link zu einem anderen vertonten Gedicht von den Kids: Klick!

Mir gefällt's sehr, was die so machen. Euch auch?

Gruß, J.

bellamartha 09.04.2015 19:56

Ich mag eh vertonte Gedichte. Hier noch mal der Erlkönig, diesmal von den großartigen Jungs von Maybebop dargeboten.

the grip 13.04.2015 09:44

Kater Murr:
 
Wohl, ich weiß es, widerstehen
Mag man nicht dem süßen Kosen,
Wenn aus Büschen duft‘ger Rosen
Süße Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug‘ dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinaufgeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.
Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken,
Doch wie lange kann’s beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb‘ erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr‘ ich über Mau’r und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.“

the grip 14.04.2015 11:27

Edgar Allen Poe:
 
Du willst, daß man dich liebt, so weiche
Nie davon, was dein Wesen ist.
Bleibe nur immerdar die Gleiche,
Sei nichts, was du nicht wirklich bist.
Dann wird auch deine sanfte Weise,
Die mehr als Schönheit noch besticht,
Verleiten alle Welt zum Preise
Und Liebe werden – eine Pflicht.

the grip 17.04.2015 09:16

Ludwig Thoma:
 
Die feine Familie.

Papa ist geheimer Kommerzienrat,
Mit vielen Orden für das, was er hat.

Mama trägt ein Diamantenkollür,
Um den Fetthals zwei Meter Perlenschnür.


Die Tochter hat jetzt schon ein Doppelkinn,
Ist nebenbei Wagnerianerin.

Der Sohn war bei den Dentzer Kürassür,
Und kommt sich drum als der Vornehmste für.

Zum Glück hat die Bande ziemlich viel Geld,
Sonst wär’s für sie eine traurige Welt.

Hätt’ ‘s Vermögen nicht für alle gekleckt,
Dann wären sie in drei Tagen verreckt,

Weil keines zur Arbeit die Hände hätt’;
Sie rühren sie nur am Wasserklosett.

the grip 18.04.2015 12:03

Ringelnatz:
 
Ohrwurm und Taube

Der Ohrwurm mochte die Taube nicht leiden.
Sie haßte den Ohrwurm ebenso.
Da trafen sich eines Tages die beiden
in einer Straßenbahn irgendwo.

Sie schüttelten sich erfreut die Hände
und lächelten liebenswürdig dabei
und sagten einander ganze Bände
von übertriebener Schmeichelei.

Doch beide wünschten sie sich im stillen,
der andre möge zum Teufel gehn,
und da es geschah nach ihrem Willen,
so gab es beim Teufel ein Wiedersehn.

the grip 19.04.2015 11:11

Heinrich Heine:
 
Wir fuhren allein im dunkeln
Postwagen die ganze Nacht;
Wir ruhten einander am Herzen,
Wir haben gescherzt und gelacht.

Doch als es morgens tagte,
mein Kind, wie staunten wir!
Denn zwischen uns saß Amor,
Der blinde Passagier.

the grip 20.04.2015 08:31

Rainer Maria Rilke:
 
Fortschritt

Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.
Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
Mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.

the grip 21.04.2015 17:08

Christian Morgenstern:
 
Schicksal

Der Wolke Zickzackzunge spricht:
ich bringe dir, mein Hammel, Licht.

Der Hammel, der im Stalle stand,
ward links und hinten schwarz gebrannt.

Sein Leben grübelt er seitdem:
warum ihm dies geschah von wem.

the grip 23.04.2015 12:07

Matthias Beltz:
 
Der Amboß sprach zum Hammer:
„Es ist ein großer Jammer,
Dass du so sehr versagst,
Zu hämmern nicht vermagst.
Du, du bringst es nicht.“
Da sprach der Hammer zum Amboß:
„Früher, da war der Mann der Boss!
Doch heute im Geschlechterkrieg
Ist dein Sieg ein schlechter Sieg.
Aus dem Mangel meiner körperlichen Regung
Geh ich in die erotische Friedensbewegung.“

the grip 26.04.2015 15:59

Wilhelm Busch:
 
Verzeihlich

Er ist ein Dichter, also eitel.
Und, bitte, nehmt es ihm nicht krumm,
Zieht er aus seinem Lügenbeutel
So allerlei Brimborium.

Juwelen, Gold und stolze Namen,
Ein hohes Schloß im Mondenschein
Und schöne höchstverliebte Damen,
Dies alles nennt der Dichter sein.

Indessen ist ein enges Stübchen
Sein ungeheizter Aufenthalt.
Er hat kein Geld, er hat kein Liebchen,
Und seine Füße werden kalt.

the grip 29.04.2015 17:27

Ludwig Thoma:
 
Auf Posten

Es prangen in den Straßen
Die Reichen auf und ab,
Das muß mich denken lassen,
Daß ich kein Geld nicht hab'.

Die Mädchen promenieren
Sich stolz an mir vorbei,
Da muß ich es verspüren,
Wie ich alleine sei.

Ich möchte, Mond und Sterne
Wär lauter bares Geld,
Das hätt' ich wohl so gerne
Und wär ein feiner Held.

Das Glück muß andern winken,
Kommt aber nicht zu mir,
Kein Geld nicht zum Vertrinken,
Kein Mädchen zum Pläsier.

the grip 30.04.2015 11:26

Psyche
 
Psyche

In der Hand die kleine Lampe,
In der Brust die große Glut,
Schleichet Psyche zu dem Lager,
Wo der holde Schläfer ruht.

Sie errötet, sie erzittert,
Wie sie seine Schönheit sieht –
Der enthüllte Gott der Liebe,
Er erwacht und er entflieht.

Achtzehnhundertjährge Buße!
Und die Ärmste stirbt beinah!
Psyche fastet und kasteit sich,
Weil sie Amorn nackend sah.

the grip 03.05.2015 19:25

Fred Endrikat:
 
Liebe und Heuschnupfen

Es blühn die Akazien und Linden,
die Nachtigall singt: Tirilie.
Die Maid schwärmt von „Herzen sich finden“.
Der Jüngling niest dauernd „Hatschi!“
Was nützt alles Blühen und Sprießen
und die herrlichste Lenzpoesie?
Sie legt ihm ihr Herzchen zu Füßen,
er gibt ihr als Antwort „Hatschi!“
Es waren zwei Königskinder,
die setzten sich nieder ins Moos.
Sie konnten zusammen nicht kommen,
sein Heuschnupfen war viel zu groß.

the grip 05.05.2015 13:23

Christian Morgenstern:
 
Mägde am Sonnabend
Sie hängen sie an die Leiste,
die Teppiche klein und groß,
sie hauen, sie hauen im Geiste
auf ihre Herrschaft los.
Mit einem wilden Behagen,
mit wahrer Berserkerwut,
für eine Woche voll Plagen
kühlen sie sich den Mut.
Sie hauen mit splitternden Rohren
im infernalischen Takt.
Die vorderhäuslichen Ohren
nehmen davon nicht Akt.
Doch hinten jammern, zerrissen
im Tiefsten, von Hieb und Stoß,
die Läufer, die Perserkissen
und die dicken deutschen Plumeaux.

the grip 07.05.2015 11:01

Ringelnatz
 
Der sächsische Dialekt

Wenn man den sächsischen Dialekt
Ein bisschen dehnt und ein bisschen streckt
Und spricht ihn noch ein bisschen tran’ger;
Dann hält ein jeder für einen Spanier!

the grip 11.05.2015 09:13

Charles Bukowski:
 
K.O.

Er war ein leichter Gegner, fett
wie eine Hummel, ich brachte ihn
außer Atem, die Linke ein paarmal vor,
die Rechte unter seiner Deckung durch,
ich ließ mir Zeit; alle tranken Bier
und warteten auf den Hauptkampf
und ich dachte dran, wie wir uns
das Haus einrichten würden, ich
würde eine Werkbank brauchen,
diverses Handwerkszeug, und da
kam er mit einer Rechten
bei mir durch –
ich hatte zu den Deckenlampen hoch-
gesehen, und im nächsten Augenblick
war die Meute am Schreien und ich
lag auf den Knien, wie zum Gebet,
und als ich hochkam, war er stark
und ich schwach; naja, sagte ich mir,
geh ich halt wieder zurück auf die Farm,
ich war schon immer ein
schlechter Sieger.

the grip 12.05.2015 18:28

Ludwig Thoma:
 
Lehrhaftes Gedicht

Adolf war der Sprosse guter Leute,
Ehelichen Ursprungs, legitim;
Anders Jakob, denn sein Vater scheute
Sich und sagt', er wäre nicht von ihm.

»Süßes Wunder« hieß der Eltern Liebe
Unsern Adolf, der »von Gott gesandt«;
»Die unsel'ge Frucht verbotner Triebe«
Wurde Jakob meistenteils genannt.

Adolf konnte man den Freunden zeigen;
Man entdeckt' an ihm des Vaters Art.
Über Jakob herrschte tiefes Schweigen,
Von ihm sprechen galt als wenig zart.

Dieser Unterschied verblieb im Leben;
Adolfs Laufbahn war solid und leicht.
Zwar Talent war ihm nicht viel gegeben,
Für den Staatsdienst hat es doch gereicht.

Jakob war, so wie er einst geboren,
Stets der Tante Minna ihr Malör.
Feine Kreise gaben ihn verloren,
Und er wurde später Redakteur.


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