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the grip 27.12.2014 14:10

Frank Schulz:
 
Welt

Die Welt ist unermeßlich.
Mal schön, mal schrecklich häßlich.
Zum Glück lebt man vergeßlich.

the grip 28.12.2014 13:37

Joachim Ringelnatz:
 
Balladette

Das war die sonst noch ziemlich fesche
Marie, die ihrem Prinzipal
In der Fabrik für Sterbewäsche
Drei schwarze Unterhosen stahl.

Und sandte, als es ruchbar wurde,
Dann das Gestohlene zurück.
Und diese mindestens absurde
Idee gereichte ihr zum Glück.

Der Prinzipal für Sterbewäsche,
Der nicht Karrieren gern verdarb,
Gab ihr so viel verdiente Dresche,
Dass sie ein Kind gebar und starb.

bellamartha 28.12.2014 14:32

Puh, grauenhaftes Gedicht...

the grip 29.12.2014 13:25

Christian Morgenstern:
 
Das Löwenreh

Das Löwenreh durcheilt den Wald
und sucht den Förster Theobald.

Der Förster Theobald desgleichen
sucht es durch Pirschen zu erreichen,

und zwar mit Kugeln, deren Gift
zu Rauch verwandelt, wen es trifft.

Als sie sich endlich haben, schießt
er es, worauf es ihn genießt.

Allein die Kugel wirkt alsbald:
Zu Rauch wird Reh nebst Theobald ...

Seitdem sind beide ohne Frage
ein dankbares Objekt der Sage.

the grip 30.12.2014 14:52

Bertolt Brecht:
 
Bei der Geburt eines Sohnes

Familien, wenn ihnen ein Kind geboren ist
Wünschen es sich intelligent.
Ich, der durch Intelligenz
Mein ganzes Leben ruiniert habe
Kann nur hoffen, mein Sohn
Möge sich erweisen als
Unwissend und denkfaul.
Dann wird er ein ruhiges Leben haben
Als Minister im Kabinett.

the grip 31.12.2014 14:42

Ludwig Thoma:
 
Neujahr bei Pastors

Mama schöpft aus dem Punschgefäße,
Der Vater lüftet das Gesäße
Und spricht: "Jetzt sind es vier Minuten
Nur mehr bis zwölfe, meine Guten.

Ich weiß, dass ihr mit mir empfindet,
Wie dieses alte Jahr entschwindet,
Und dass ihr Gott in seinen Werken
– Mama, den Punsch noch was verstärken! –

Und dass ihr Gott von Herzen danket,
Auch in der Liebe nimmer wanket,
Weil alles, was uns widerfahren
– Mama, nicht mit dem Arrak sparen! –

Weil, was geschah, und was geschehen,
Ob wir es freilich nicht verstehen,
Doch weise war, durch seine Gnade
– Mama, er schmeckt noch immer fade! –

In diesem Sinne meine Guten,
Es sind jetzt bloß mehr zwei Minuten,
In diesem gläubig frommen Sinne
– Gieß noch mal Rum in die Terrine! –

Wir bitten Gott, dass er uns helfe
Auch ferner – Wie? Es schlägt schon zwölfe?
Dann prosit! Prost an allen Tischen!
– Ich will den Punsch mal selber mischen."

the grip 01.01.2015 14:09

Joachim Ringelnatz:
 
Glückwunsch

Ein Glückwunsch ging ins neue Jahr,
Ins Heute aus dem Gestern.
Man hörte ihn sylvestern.
Er war sich aber selbst nicht klar,
Wie eigentlich sein Hergang war
Und ob ihn die Vergangenheit
Bewegte oder neue Zeit.
Doch brachte er sich dar, und zwar
Undeutlich und verlegen.

Weil man ihn nicht so ganz verstand,
So drückte man sich froh die Hand
Und nahm ihn gern entgegen.

the grip 02.01.2015 13:31

Heinrich Heine:
 
Die Heimkehr (Auszug)

In mein gar zu dunkles Leben
Strahlte einst ein süßes Bild;
Nun das süße Bild erblichen,
Bin ich gänzlich nachtumhüllt.

Wenn die Kinder sind im Dunkeln,
Wird beklommen ihr Gemüt,
Und um ihre Angst zu bannen,
Singen sie ein lautes Lied.

Ich, ein tolles Kind, ich singe
Jetzo in der Dunkelheit;
Klingt das Lied auch nicht ergötzlich,
Hats mich doch von Angst befreit.

the grip 05.01.2015 17:48

Thomas Gsella:
 
Hochzeitsnacht

Ausgezeichnet, ausgewechselt
Hat das Paar den Tag gedrechselt
Traute sich und tanzte dann
In die Nacht: als Frau und Mann

Unentschieden, unentschlossen
Weder lustlos noch verschossen
Trunken: fern von Freud und Kummer
Schob das Paar die Hochzeitsnummer

Auf den nächsten Tag und schlief
Als die Tochter „Mama“ rief
Wachte auf und hauchte: Morgen
Werden wir’s und schwer besorgen

Dankeskarten, Postwertzeichen
Da! Erstand in ihren weichen
Händen eine Erektion –
„Mama, komm!“

„Ich komm ja schon.“

the grip 05.01.2015 17:51

Arezu Weitholz:
 
Der Tod des Kabeljaus

Ein neunmalschlauer Kabeljau
sprach auf dem Sterbebett zu seiner Frau:
Ich bin, das weiß ich ganz genau
sehr bald ein toter Kabeljau.

So versprich, wenn ich dann scheide
lass keinen Doktor zu mir rein.
Auch das Beten bitte meide
und die Organe bleiben mein!

Mein Herz, mein Hirn und meine Leber
lass keinesfalls rausoperieren.
Ich war noch nie ein großer Geber
und will nicht hohl reinkarnieren.

Vergrab mich nicht in dunkler Erde
und bitte äscher mich nicht ein.
Denn heißt es nicht auch: stirb und werde –
oder wie war das gemeint?

Da fuhr ein Fischer längs am See
und käscht die zwei aus dem Palaver.
Jetzt sindse beide Fischfilet
bestattet in Pannade – schade.

the grip 05.01.2015 17:55

Christian Morgenstern:
 
Die Zeit

Es gibt ein sehr probates Mittel,
die Zeit zu halten am Schlawittel:
Man nimmt die Taschenuhr zur Hand
und folgt dem Zeiger unverwandt,

Sie geht so langsam dann, so brav
als wie ein wohlgezogen Schaf,
setzt Fuß vor Fuß so voll Manier
als wie ein Fräulein von Saint-Cyr.

Jedoch verträumst du dich ein Weilchen,
so rückt das züchtigliche Veilchen
mit Beinen wie der Vogel Strauß
und heimlich wie ein Puma aus.

Und wieder siehst du auf sie nieder;
ha, Elende! - Doch was ist das?
Unschuldig lächelnd macht sie
wieder die zierlichsten Sekunden-Pas.

the grip 07.01.2015 01:16

Wolf Wondratschek:
 
Wen die Götter lieben

Die Jugend liebt junge Leichen,
die nie das kritische Alter erreichen.
Verstehe, dachte auch so:
wen die Götter lieben?

Ein kurzen Leben und kippen.
Mit Mick Jagger’s Lippen ins Gras beißen.
Kulturen und Kontinente verlassen,
jung sein und Hoffnung hassen?

Waffenhandel statt Poesie,
der letzte Rebell –
das ist vorbei, die Nacht
kommt schnell.

Ein Vaterland gibt es nicht mehr.
Der Friede herrscht härter als Krieg.
Glück macht keinen mehr glücklich.

Träume enden mit dem Rücken zur Wand,
allein im Todesbett, das Bein verfault,
den Ärzten unbekannt.

Ich trinke aus.
Die Wirtin kassiert.
Was soll sich vollenden,
wenn nichts mehr passiert.

the grip 08.01.2015 12:10

Christian Morgenstern:
 
Das Fest des Wüstlings

Was stört so schrill die stille Nacht?
Was sprüht der Lichter Lüstrepracht?
Das ist das Fest des Wüstlings!

Was huscht und hascht und weint und lacht?
Was cymbelt gell? Was flüstert sacht?
Das ist das Fest des Wüstlings!

Die Pracht der Nacht ist jach entfacht!
Die Tugend stirbt, das Laster lacht!
Das ist das Fest des Wüstlings!

(Zu flüstern)

the grip 08.01.2015 15:54

Charles Bukowski:
 
DU MACHST ES, WIE DU EINE FLIEGE KILLST: MIT LINKS

Bach hatte zwanzig Kinder.
Tagsüber hat er auf Pferde
gewettet, nachts hat er gefickt
und am Vormittag gesoffen.
Komponiert hat er zwischendurch

… sagte ich, als sie
von mir wissen wollte
wann ich eigentlich
meine Gedichte schreibe.

the grip 09.01.2015 15:10

Charles Lewinsky:
 
Methusalem als alter Mann,
ging es beim Sex so langsam an,
dass seine Frau sich wundert.
Schon für das Vorspiel braucht er
manchmal fast ein Jahrhundert.

the grip 11.01.2015 00:06

Joachim Ringelnatz:
 
Meine erste Liebe?

Erste Liebe?
Ach, ein Wüstling, dessen
Herz so wahllos ist wie meins, so weit,
Hat die erste Liebe längst vergessen,
Und ihn intressiert nur seine Zeit.

Meine letzte Liebe zu beschreiben,
Wäre just so leicht wie indiskret.
Außerdem? Wird sie die letzte bleiben,
Bis ihr Name in der „Woche“ steht?

Meine Abenteuer in der Minne
Müssen sehr gedrängt gewesen sein.
Wenn ich auf das erste mich besinne,
Fällt mir immer noch ein früh‘res ein.

the grip 12.01.2015 15:21

Ricarda Huch:
 
Du, dem ich angehöre, laß, wenn ich gestorben,
Was von mir übrig, meine Asche, bei dir sein.
Und deine Hand, um die mein Leben einst geworben,
Tauch in den Staub, der einst dein Fleisch war, ein.
Läßt du den trüben Strom durch deine Hände fluten,
Die einst, wie Frühlings Hauch aufzückt im jungen Stamme,
Berührend diesen Leib entzündeten zur Flamme,
Fühlst du ihn plötzlich wohl erglühn in alten Gluten.

the grip 13.01.2015 11:06

Adolf Glassbrenner:
 
N schönes Leben hab ich doch,
ich kann mir nicht beklagen.
Pfeift auch der Wind durch`s Ärmelloch –:
Das will ich schon ertragen.
Des Morgens, wenn mir hungern tut,
freß ich ne Butterstulle.
Dazu schmeckt mir der Kümmel gut
aus meine volle Pulle.
Und sagt der Tod eins: „Nante, du,
komm mit die kurze Strecke“,
spring ich bloß auf und ruf ihm zu:
„Ick bin schon um die Ecke.“
Und hört er nicht auf diesen Witz,
dann seufz ich: „Line… Kümmel…“
Dann kauf ich mir den letzten Spitz
Und nimm dir mit in Himmel.

the grip 14.01.2015 11:17

Johann Wolfgang von Goethe:
 
Vorschlag zur Güte

Er
Du gefällst mir so wohl, mein liebes Kind,
Und wie wir hier beieinander sind,
So möcht' ich nimmer scheiden;
Da wär' es wohl uns beiden.

Sie
Gefall' ich dir, so gefällst du mir;
Du sagst es frei, ich sag' es dir.
Eh nun! heiraten wir eben!
Das übrige wird sich geben.

Er
Heiraten, Engel, ist wunderlich Wort;
Ich meint', da müßt' ich gleich wieder fort.

Sie
Was ist's denn so großes Leiden?
Geht's nicht, so lassen wir uns scheiden.

the grip 15.01.2015 11:41

Joachim Ringelnatz:
 
Meine erste Liebe?

Erste Liebe?
Ach, ein Wüstling, dessen
Herz so wahllos ist wie meins, so weit,
Hat die erste Liebe längst vergessen,
Und ihn intressiert nur seine Zeit.

Meine letzte Liebe zu beschreiben,
Wäre just so leicht wie indiskret.
Außerdem? Wird sie die letzte bleiben,
Bis ihr Name in der „Woche“ steht?

the grip 18.01.2015 15:06

Heinrich Heine:
 
In Gemäldegalerien
Siehst du oft das Bild des Manns,
Der zum Kampfe wollte ziehen,
Wohlbewehrt mit Schild und Lanz.

Doch ihn necken Amoretten,
Rauben Lanze ihm und Schwert,
Binden ihn mit Blumenketten,
Wie er auch sich mürrisch wehrt.

So, in holden Hindernissen,
Wind ich mich in Lust und Leid,
Während Andre kämpfen müssen
In dem großen Kampf der Zeit.

the grip 20.01.2015 11:11

Goethe:
 
Hätt' ich gezaudert zu werden,
Bis man mir’s Leben gegönnt,
Ich wäre noch nicht auf Erden,
Wie ihr begreifen könnt,
Wenn ihr seht, wie sie sich geberden,
Die, um etwas zu scheinen,
Mich gerne möchten verneinen.

the grip 22.01.2015 12:01

Wolf Wondratschek:
 
Aus Cezannes Äpfeln hätte sie Apfelmus gemacht –
das alles beeindruckt sie nicht,
solange folgende Fragen ungeklärt sind:
wer kocht und wäscht und sorgt für mein Kind?
Das hat Vorrang vor aller Kunst.
"Wenn ich sterbe" schreibt sie, "was dann?"
Vom beigelegten Geld für ein gutes Essen
kaufe ich Zigaretten und Papier,
rauche und schreibe
und liebe sie.
Sie ist meine Bäuerin,
sie kennt die Absturzstellen
meiner Höhenflüge.
So müßte das Leben sein:
das Mißlungene vollenden
mit einem selbstgebackenen Kuchen.

the grip 23.01.2015 10:46

Ludwig Thoma:
 
Das Tanzen gilt als ein Vergnügen,
Bei dem sich zwei zusammenfügen,
Und sich – statt gradeaus zu gehen –
Nach links und rechts im Kreise drehen.

Wenn wir sein Wesen recht erkennen,
Wird man das Tanzen Arbeit nennen,
Man hat den triftigsten Beweis
In dem dabei vergossnen Schweiß.

Hier untersucht nun der Gelehrte:
Zum ersten schafft sie keine Werte,
Zum zweiten aber hat davon
Der Arbeitnehmer keinen Lohn.

Er dreht von acht bis morgens fünfe
Und immer gratis eine Nymphe.
Dies bildet doch ein Unikum!
Und deshalb frage ich: warum?

Erfolgt es wirklich unentgeltlich?
Geschieht es nicht doch vorbehältlich?
Entledigt man sich seines Speckes
Ganz ohne Hinblick eines Zweckes?
Hier ist der Angelpunkt der Frage,
Und ihre Lösung tritt zutage:
Der Tänzer leistet nur so viel
In Hoffnung auf ein Nebenziel.

(Auszug)

the grip 24.01.2015 12:09

Wilhelm Busch:
 
Kritik des Herzens

Er stellt sich vor sein Spiegelglas
Und arrangiert noch dies und das.
Er dreht hinaus des Bartes Spitzen,
Sieht zu, wie seine Ringe blitzen,
Probiert auch mal, wie sich das macht,
Wenn er so herzgewinnend lacht,
Übt seines Auges Zauberkraft,
Legt die Krawatte musterhaft,
Wirft einen süßen Scheideblick
Auf sein geliebtes Bild zurück,
Geht dann hinaus zur Promenade,
Umschwebt vom Dufte der Pomade,
Und ärgert sich als wie ein Stint,
Daß andre Leute eitel sind.

the grip 25.01.2015 11:57

Arezu Weitholz:
 
Die Grippewelle

Erst da keuchten die Sardellen
und bald hustete der Hecht.
Böse röcheln die Forellen
und den Heringen ist schlecht.

Kopfweh, Fieber bei den Fischen
keiner mehr verlässt das Haus.
Denn den Wal darfs nicht erwischen
wenn der niest, ist alles aus

the grip 27.01.2015 10:33

Bukowski:
 
Such

Der Hund springt aufs Bett und robbt
über mich.
"Weißt du das Wort?" frage ich ihn.
Er gibt keine Antwort.
"Weißt du das Wort? Ich such das
richtige Wort."
Er sieht mich mit seinen ernsten
Braunen Augen an.
"Ich warte auf das richtige Wort"
erkläre ich ihm. "Ich komme mir vor
als würde ich durch eine große heiße
Bratpfanne schnalzen."
Er wedelt und versucht, mein
Gesicht zu lecken.

"Hör mal", ruft sie aus dem Bade-
zimmer, "kommst du jetzt endlich
aus den Federn und hörst auf,
mit dem Hund zu reden?!"

Meine Eltern haben mich auch
nie verstanden.

the grip 29.01.2015 10:41

Heinrich Heine:
 
Mag draußen Schnee sich türmen,
Mag es hageln, mag es stürmen,
Klirrend mir ans Fenster schlagen,
Nimmer will ich mich beklagen,
Denn ich trage in der Brust
Liebchens Bild und Frühlingslust.

the grip 01.02.2015 21:50

Wolf Wondratschek:
 
Gizeh

Der Typ tut nichts
Sitzt in der Wüste rum
Die Sonne scheint
Nur er sieht Schnee

Ein Typ wie du
Genau der gleiche Zeitvertreib
Sitzt in der Wüste rum
Und hält den Sand am Horizont für ihren Unterleib

Der Typ sagt sich
Mal sehen was jetzt passiert
Dann hört man lange nichts von ihm
Dann – Jahre später – taucht er wieder auf
Von Kopf bis Fuß mit Sonnenzeichen tätowiert

Ein Typ wie du
Der glaubt er hat’s kapiert
Und sich aus Liebe zu Kleopatra
Vollständig einbalsamiert

Der Typ tut nichts
Sitzt in der Wüste rum
Die Sonne scheint
Nur er sieht Schnee

the grip 05.02.2015 12:03

Goethe zum Pessimismus:
 
Der Gotteserde lichten Saal
Verdüstern sie zum Jammertal.
Daran entdecken wir geschwind,
Wie jämmerlich sie selber sind.

the grip 07.02.2015 11:29

Frank Wedekind:
 
Der Gefangene

Oftmals hab ich nachts im Bette
Schon gegrübelt hin und her,
Was es denn geschadet hätte,
Wenn mein Ich ein andrer wär.

Höhnisch raunten meine Zweifel
Mir die tolle Antwort zu:
Nichts geschadet, dummer Teufel,
Denn der andre wärest du!

Hilflos wälzt ich mich im Bette
Und entrang mir dies Gedicht,
Rasselnd mit der Sklavenkette,
Die kein Denker je zerbricht.

the grip 10.02.2015 17:03

Wolf Wondratschek:
 
Das ist die Stunde kurz nach Mitternacht,
die Katze, die dich anschaut
und nicht lacht.
Es ist nichts mehr zu tun.
Du öffnest die Finger,
siehst die Morgenröte
und den Engel, der geht
um sich auszuruhn.

the grip 12.02.2015 11:44

Goethe:
 
Wenn ich mir in stiller Seele
Singe leise Lieder vor:
Wie ich fühle, daß sie fehle,
Die ich einzig mir erkor –
Möcht ich hoffen, daß sie sänge,
Was ich ihr so gern vertraut;
Ach, aus dieser Brust und Enge
Drängen frühe Lieder laut.

the grip 15.02.2015 15:18

Heinrich Heine:
 
Den Gärtner nährt sein Spaten,
Den Bettler sein lahmes Bein,
Den Wechsler seine Dukaten,
Mich meine Liebespein.

Drum bin ich dir sehr verbunden,
Mein Kind, für dein treuloses Herz;
Viel Gold hab' ich gefunden
Und Ruhm im Liebesschmerz.

Nun sing‘ ich bei nächt’ger Lampe
Den Jammer, der mich traf;
Er kommt bei Hoffmann und Campe
Heraus in Klein-Oktav.

the grip 19.02.2015 10:29

Wilhelm Busch:
 
Sie stritten sich beim Wein herum,
was das nun wieder wäre;
Das mit dem Darwin wär gar zu dumm
Und wider die menschliche Ehre.

Sie tranken manchen Humpen aus,
Sie stolperten aus den Türen,
Sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus
Gekrochen auf allen vieren.

the grip 21.02.2015 13:06

Ludwig Thoma:
 
Jesuitendebatte

Der Fuchs stand vor dem Hühnerstalle
Und merkte in der Winternacht,
Die Einschlupflöcher waren alle
Just seinetwegen zugemacht.

Da fing er jämmerlich zu klagen
Und bitterlich zu weinen an:
Warum wollt ihr nur mich verjagen,
Der euch doch nie ein Leids getan?

Ihr guten Hühner, hört die Bitte!
Ihr seid so viele, ich allein, –
Der kleinste Platz in eurer Mitte
Genügt, und ich will glücklich sein!

Das Federvieh hat lang beraten
Und manches wohlerfahrne Huhn
Vermeinte, was sie früher taten,
Das würden Füchse immer tun.

Doch gab es viele ganz Gerechte,
Die waren aus Prinzip dafür,
Daß keinem aus dem Tiergeschlechte
Verschlossen bleibe ihre Tür.

Kaum war die weise Tat geschehen,
War von dem ganzen Hühnerhof
Nichts mehr als das Prinzip zu sehen
Und Krallen und ein Federschwof.

the grip 22.02.2015 14:51

Mascha Kaléko:
 
Klavia-tiere, Spezies: Pianisten

Pianisten sind oft große Tiere,
Zum Lärm dressiert auf dem Klaviere.
Mit Löwenmähne, Tigerpfoten
Mißhandelt mancher es nach Noten.
Ein Pi-a-nist, wenn malträtiert,
Ist selten nur wohltemperiert.
Wenn sich die Damen auch verlieben,
– Weit wichtiger ist ihm das Üben!
(Zur Zeit, als Hans zur Liese ging,
Da übte brav der Gieseking …)

the grip 24.02.2015 15:56

Edgar Allen Poe:
 
Die Kelche, oft im Traum erschaut,
Wo Singvögel sich wiegen,
Sind deine Lippen – und der Laut
Melodisch draus entstiegen –

Dein Augenstrahl, mir sanft erglüht,
Fällt mitten in dem Dunkel
Auf mein undüstertes Gemüt
Wie eines Sterns Gefunkel.

Dein Herz – dein Herz, seufz‘ ich gepreßt
Und träume bis zum Tage
Vom Glück, das sich nicht greifen läßt,
Doch will, daß man es wage.

the grip 26.02.2015 10:53

Ringelnatz:
 
Schaudervoll: Es zog die reine,
Weiße, ehrbar keusche Clara
Aus dem Sittlichkeitsvereine
Eines Abends nach Ferrara.

Schaudervoll: Dort, irgendwo,
Floß der Po.

Schaudervoll, doch es geschah
In Ferrara, daß die Clara
Aus dem Sittlichkeitsvereine
Nachts den Po doppelt sah.

the grip 02.03.2015 10:32

Frank Schulz:
 
Der Regenwurm

„Sich regen bringt Segen!“
sagte sich der Regenwurm.
Drum kroch er verwegen
auf den höchsten Glockenturm.

Dem Küster hingegen –
entnervt vom bösen Wirbelsturm –
kam er ungelegen.
Er trat ihn platt, den Regenwurm.

Sich regen brächte Segen?
Von wegen.


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