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Ringelnatz:
Im dunklen Erdteil Afrika
Starb eine Ziehharmonika. Sie wurde mit Musik begraben. Am Grabe saßen zwanzig Raben. Der Rabe Num’ro einundzwanzig Fuhr mit dem Segelschiff nach Danzig Und gründete dort etwas später Ein Heim für kinderlose Väter. Und die Moral von der Geschicht? – Die weiß ich leider selber nicht. |
Heinrich Heine:
In den Küssen welche Lüge!
Welche Wonne in dem Schein! Ach, wie süß ist das Betrügen, Süßer das Betrogensein! Liebchen, wie du dich auch wehrest, Weiß ich doch, was du erlaubst: Glauben will ich, was du schwörest, Schwören will ich, was du glaubst. |
Christian Morgenstern:
Der Schnupfen
Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse, auf daß er sich ein Opfer fasse - und stürzt alsbald mit großem Grimm auf einen Menschen namens Schrimm. Paul Schrimm erwidert prompt: Pitschü! und hat ihn drauf bis Montag früh. |
und ein verspätetes Ostergedicht von Heinz Erhardt:
Heinz Erhardt:
Feste Der Karpfen kocht, der Truthahn brät, man sitzt im engsten Kreise und singt vereint den ersten Vers manch wohlvertrauter Weise. Zum Beispiel "O du fröhliche", vom "Baum mit grünen Blättern" – und aus so manchem Augenpaar sieht man die Träne klettern. Die Traurigkeit am Weihnachtsbaum ist völlig unverständlich: Man sollte lachen, fröhlich sein, denn ER erschien doch endlich! Zu Ostern – da wird jubiliert, manch buntes Ei erworben! Da lacht man gern – dabei ist ER erst vorgestern gestorben … |
Wiglaf Droste:
Es wird Frühling – alles schimmert
Nur die Kiefer quietscht und wimmert Jammert über Winterschäden Muß zum Kieferorthopäden |
Wolf Wondratschek:
Das ist die Stunde kurz nach Mitternacht,
die Katze, die dich anschaut und nicht lacht. Es ist nichts mehr zu tun. Du öffnest die Finger, siehst die Morgenröte und den Engel, der geht um sich auszuruhn. |
Wilhelm Busch:
Wärst du ein Bächlein, ich ein Bach.
So eilt ich dir geschwinde nach. Und wenn ich dich gefunden hätt In deinem Blumenuferbett: Wie wollt ich mich in dich ergießen Und ganz mit dir zusammenfließen, Du vielgeliebtes Mädchen du! Dann strömten wir bei Nacht und Tage Vereint in süßem Wellenschlage Dem Meere zu. |
Goethe:
Wenn ich mir in stiller Seele
Singe leise Lieder vor: Wie ich fühle, daß sie fehle, Die ich einzig mir erkor – Möcht ich hoffen, daß sie sänge, Was ich ihr so gern vertraut; Ach, aus dieser Brust und Enge Drängen frühe Lieder laut. |
Goethe:
Nichts schafft Ungeduld,
Noch weniger Reue; Diese vermehrt die Schuld Jene schafft neue. |
Erich Kästner:
Die Hühner fühlten sich plötzlich verpflichtet,
statt Eiern Apfeltörtchen zu legen. Die Sache zerschlug sich. Und zwar weswegen? Das Huhn ist auf Eier eingerichtet. (So wurde schon manche Idee vernichtet.) |
Ludwig Thoma:
Frühlingsahnen
Wohlig merken unsre Sinne Nun den Frühling allgemach, Denn es trauft aus jeder Rinne, Und es tropft von jedem Dach. Leise regt sich im Theater Dieser Welt ein Liebeston; Nächstens schreien viele Kater, Und der Hase rammelt schon. So auch uns ergreift die Glieder Wundersame Lebenskraft; Selbst solide Seifensieder Fühlen ihren Knospensaft. Treibet das Geschäft der Paarung! Lasset der Natur den Lauf! Denn ihr wisset aus Erfahrung, Einmal hört es leider auf. |
Goethe:
Künstlers Apotheose
So wirkt mit Macht der edle Mann Jahrhunderte auf seinesgleichen: Denn was ein guter Mensch erreichen kann, Ist nicht im engen Raum des Lebens zu erreichen. Drum lebt er auch nach seinem Tode fort Und ist so wirksam, als er lebte; Die gute Tat, das schöne Wort, Es strebt unsterblich, wie er sterblich strebte. So lebst auch du (der Künstler) durch ungemeßne Zeit; Genieße der Unsterblichkeit. |
Antonio Machado - Proverbios y cantares (Campos de Castilla)
XXIX
Caminante, son tus huellas el camino, y nada más; caminante, no hay camino: se hace camino al andar. Al andar se hace camino, y al volver la vista atrás se ve la senda que nunca se ha de volver a pisar. Caminante, no hay camino, sino estelas en la mar. Wem's spanisch vorkommt : **************************************** XLIV Todo pasa y todo queda; pero lo nuestro es pasar, pasar haciendo caminos, caminos sobre la mar.
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Ringelnatz:
Es bildete sich ein Gemisch
Von Stachelschwein und Tintenfisch. Die Wissenschaft, die teilt es ein In Stachelfisch und Tintenschwein. Der Fisch bewohnt den Ozean. Gefährlich ist es, ihm zu nahn. Das Tintenschwein trifft man in Büchern, An Fingerspitzen, Taschentüchern. Es ist – das liegt ja auf der Hand – Dem Igelschwein noch sehr verwandt. |
Wilhelm Busch:
Sie stritten sich beim Wein herum,
was das nun wieder wäre; Das mit dem Darwin wär gar zu dumm Und wider die menschliche Ehre. Sie tranken manchen Humpen aus, Sie stolperten aus den Türen, Sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus Gekrochen auf allen vieren. |
nochmal Busch...
Die Freude flieht auf allen Wegen - der Ärger kommt uns gern entgegen.
Im Durchschnitt ist man kummervoll - und weiß nicht, was man machen soll. Wie wohl ist dem, der dann und wann - sich etwas Schönes dichten kann! |
Wolf Wondratschek:
Liebe mich,
damit es aufhört, dieses Nachdenken, wenn du nicht da bist. |
Max Dauthendey:
Erster Mai.
Alle Wiesen keimen, Alle Vögel reimen, Kleine Blumen scheinen, Mädchen im lachenden Schwarm, Tausend Sonnen warm. Mai, du machst mich arm, Ich muß niederknien, In meine Hände weinen. |
endlich wieder Robert Gernhardt, um dem Thread auch mal wieder gerecht zu werden:
Dringliche Anfrage
Wer hat ein Alibi für mich? Ich brauche eins für morgen, da soll ich es um 12 Uhr 10 der Königin besorgen. Die Königin ist klein und rund, der König groß und eckig. Dem, den sein Misstraun auch nur streift, geht es entsetzlich dreckig. Um 12 Uhr 10 bin ich bestellt. Ich trau mich gar nicht, hinzugehn. Es sei, ich hätt' ein Alibi. Wer sah mich morgen, 12 Uhr 10? |
Joachim Ringelnatz:
Spielball
Es weint ein Kind. Ein Luftballon mit dünnem Zopf Und kleiner als des Kindes Kopf Entflieht im Wind. Und reist und steigt verwegen. Ein Nebel wallt. Ein Fehlschuß knallt. Dann fällt ein sanfter Regen. Rundrote Riesenbeere Rollt müde und verschrumpft In einem Wipfelmeere, Hat austriumpht. Witziger Kräherich Bringt seinem Bräutchen Ein hohles Häutchen, Die aber ärgert sich. |
Wilhelm Busch:
Lieder eines Lumpen
Als ich ein kleiner Bube war, War ich ein kleiner Lump; Zigarren raucht? ich heimlich schon, Trank auch schon Bier auf Pump. Zur Hose hing das Hemd heraus, Die Stiefel lief ich krumm, Und statt zur Schule hinzugehn, Strich ich im Wald herum. Wie hab ich?s doch seit jener Zeit So herrlich weit gebracht! - Die Zeit hat aus dem kleinen Lump ?nen großen Lump gemacht. |
Christian Morgenstern:
Durch Anschlag mach ich euch bekannt:
Heut ist kein Fest im deutschen Land. Drum sei der Tag für alle Zeit zum Nichtfest-Feiertag geweiht. |
Heinrich Heine:
Es kommt der Lenz mit dem Hochzeitsgeschenk,
Mit Jubel und Musizieren, Das Bräutchen und den Bräutigam Kommt er zu gratulieren. Er bringt Jasmin und Röselein, Und Veilchen und duftige Kräutchen, Und Sellerie für den Bräutigam, Und Spargel für das Bräutchen. |
Ringelnatz:
Heimliche Stunde
Ein kleiner Spuk durch die Dampfheizung ging, Keine Uhr war aufgezogen. Ein zu früh geborener Schmetterling Kam auf das Schachbrett geflogen. Es ging ein Blumenvasenblau Mit der Sonne wie eine Schnecke. Ich liebe Gott und meine Frau, Meine Wohnung und meine Decke. |
Wilhelm Busch:
Die Schändliche
Sie ist ein reizendes Geschöpfchen, Mit allen Wassern wohl gewaschen; Sie kennt die süßen Sündentöpfchen Und liebt es, häufig draus zu naschen. Da bleibt den sittlich Hochgestellten Nichts weiter übrig, als mit Freuden Auf diese Schandperson zu schelten Und sie mit Schmerzen zu beneiden. |
Ludwig Thoma:
Jesuitendebatte
Der Fuchs stand vor dem Hühnerstalle Und merkte in der Winternacht, Die Einschlupflöcher waren alle Just seinetwegen zugemacht. Da fing er jämmerlich zu klagen Und bitterlich zu weinen an: Warum wollt ihr nur mich verjagen, Der euch doch nie ein Leids getan? Ihr guten Hühner, hört die Bitte! Ihr seid so viele, ich allein, – Der kleinste Platz in eurer Mitte Genügt, und ich will glücklich sein! Das Federvieh hat lang beraten Und manches wohlerfahrne Huhn Vermeinte, was sie früher taten, Das würden Füchse immer tun. Doch gab es viele ganz Gerechte, Die waren aus Prinzip dafür, Daß keinem aus dem Tiergeschlechte Verschlossen bleibe ihre Tür. Kaum war die weise Tat geschehen, War von dem ganzen Hühnerhof Nichts mehr als das Prinzip zu sehen Und Krallen und ein Federschwof. |
Mascha Kaléko:
Der kleine Unterschied
Es sprach zu Mister Goodwill ein deutscher Emigrant: "Gewiß, es bleibt dasselbe, sag ich nun ‚land‘ statt Land, sag ich für Heimat ‚homeland‘ und ‚poem‘ für Gedicht. Gewiß, ich bin sehr ‚happy‘: Doch glücklich bin ich nicht." |
Robert Gernhardt:
Selbstfindung
Ich weiß, was ich bin. Ich schreibe das gleich hin. Da hab’n wir den Salat: Ich bin ein Literat. |
William Shakespeare:
So schalt ich früher Veilchen Übermut:
Wo stahlt ihr süßen Diebe euern Hauch, Wenn nicht von deinem Mund? Die Purpurglut Auf euern samtnen Wänglein habt ihr auch Nur schwach gefärbt in seiner Adern Blut! Den Lilien warf ich deine Hände vor; Daß er dein Haar bestahl, dem Majoran. Furchtsam auf Dornen stand der Rosen Chor, Teils vor Verzweiflung weiß, teils rot vor Scham: Und eine, weder rot noch weiß, vermaß Von beidem sich, und stahl noch deinen Atem: Allein zur Strafe kam ein Wurm und fraß Im vollsten Prangen sie für ihre Taten. - Nicht eine war von aller Blumen Zahl, Die nicht dir Farben oder Düfte stahl. |
Wilhelm Busch:
Für einen Porträtmaler
Die gnädige Frau, die alte, Die hab’ ich konterfeit. Sie hatte manche Falte, Drob war sie nicht erfreut. Die Falten und die Runzeln, Die malt ich nimmermehr, Drob tät sie gnädig schmunzeln, Das freut die Alte sehr. Sie hatte viele Pocken - Ich fand den Teint so klar; Sie hatte falsche Locken - Ich lobt ihr schönes Haar. An ihrer roten Nase Pries ich den feinen Ton; Denn jede schöne Phrase, Die findet ihren Lohn. Die Alte fand geraten Ihr gnädig Konterfei. Sie zahlt mir zehn Dukaten, Weil’s gar’ so ähnlich sei. |
Wilhelm Busch:
Zauberschwestern
Zwiefach sind die Phantasien, Sind ein Zauberschwesternpaar, Sie erscheinen, singen, fliehen Wesenlos und wunderbar. Eine ist die himmelblaue, Die uns froh entgegenlacht, Doch die andre ist die graue, Welche angst und bange macht. Jene singt von lauter Rosen, Singt von Liebe und Genuß; Diese stürzt den Hoffnungslosen Von der Brücke in den Fluß. |
Danke für das schöne Gedicht von heute! Es passt für mich gut.
Gruß, J. |
Edgar Allen Poe:
Die Kelche, oft im Traum erschaut,
Wo Singvögel sich wiegen, Sind deine Lippen – und der Laut Melodisch draus entstiegen – Dein Augenstrahl, mir sanft erglüht, Fällt mitten in dem Dunkel Auf mein umdüstertes Gemüt Wie eines Sterns Gefunkel. Dein Herz – dein Herz, seufz‘ ich gepreßt Und träume bis zum Tage Vom Glück, das sich nicht greifen läßt, Doch will, daß man es wage. |
Christian Morgenstern:
Laß die Moleküle rasen,
was sie auch zusammenknobeln! Laß das Tüfteln, laß das Hobeln, heilig halte die Ekstasen! |
Ludwig Thoma:
Wechsel
Immer, wenn es Frühling ist, Fühlt man schöne Triebe, Und man spricht so manchen Mist, Meistenteils von Liebe. Unser Mädchen glaubt es wohl; Die Natur der Frauen Zwingt sie ja, dem größten Kohl Blindlings zu vertrauen. Wenn das Korn am höchsten steht, In den Sommerszeiten, Findet, wer zu Zweien geht, Leicht Gelegenheiten. Lockrer wird das süße Band, Wenn die Früchte reifen, Will sie es auch vorderhand Noch nicht recht begreifen. Liebste, füge dich darein! Was ist auch dahinter? Ich will wieder ledig sein Für den nächsten Winter. |
Heinz Erhardt:
Wenn die Opern dich umbrausen
mit Getön, dann genieße auch die Pausen: sie sind schön. |
Ringelnatz:
Schaudervoll: Es zog die reine,
Weiße, ehrbar keusche Clara Aus dem Sittlichkeitsvereine Eines Abends nach Ferrara. Schaudervoll: Dort, irgendwo, Floß der Po. Schaudervoll, doch es geschah In Ferrara, daß die Clara Aus dem Sittlichkeitsvereine Nachts den Po doppelt sah. |
Heinrich Heine:
In ein Exemplar von Goethes „Faust“
Dieses Buch sei dir empfohlen, Lese nur, wenn du auch irrst: Doch wenn du’s verstehen wirst, Wird dich auch der Teufel holen. |
Wilhelm Busch:
Die Lehre von der Wiederkehr
Ist zweifelhaften Sinns. Es fragt sich sehr, ob man nachher Noch sagen kann: Ich bin’s. Allein was tut’s, wenn mit der Zeit Sich ändert die Gestalt? Die Fähigkeit zu Lust und Leid Vergeht wohl nicht so bald. |
Kästner:
Bescheidene Frage
Ist der Mensch nicht eine Plage? Und erst recht, wenn man ihn liebt? Gott, verzeih mir diese Frage! Tu’s auch, wenn es Dich nicht gibt. |
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