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14.09.11
Monsieur, darf ich Ihr Tablett tragen?
Roc Trezevel
Paris-Brest-Paris: Roc Trezevel
Paris-Brest-Paris 2011. Die Olympiade der Langstreckenradler. Findet nur alle 4 Jahre statt. 1230 km radeln. Am Stück, wenn man denn will. Extremsport? Oder gar Ultrasport? Die Antwort: Ein entschiedenes „Jein“. 
Von Andreas Herrmann

Denn,  je nachdem, welche Ansprüche und Fähigkeiten man hat, lässt sich dieses Ereignis auf sehr unterschiedliche Art bewältigen. PBP will kein „Rennen“ im klassischen Sinne sein, sondern ist in der Welt der „Randonneure“- der Langstrecken-Radwanderer - das höchste „Brevet“, die härteste Prüfung, für die es sich vorher durch das Überstehen von 200-, 300-, 400- und 600– Kilometerstrecken zu qualifizieren gilt.

Nun lassen es die Regeln zu, daß der ambitionierte Radsportler ohne Gepäck und mit Hilfe eines Begleitfahrzeugs versucht, die Strecke unter 50 Stunden zu bewältigen. Andererseits gibt es den klassischen Randonneursansatz, PBP ohne Hilfe von außen zu schaffen, alles Gepäck mit sich zu führen und alle Verpflegung, die noch nicht irgendwie am Rad festgetackert ist, unterwegs zu beschaffen. Auf der Strecke wird sich reichlich Zeit genommen, Land und Leute kennenzulernen und auch mal eine kräftige Mütze Schlaf zu nehmen. Das großzügige Zeitlimit von 90 Stunden erlaubt das, vorausgesetzt, man ist in der Lage über längere Zeit eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 18 km/h zu halten.

Zwischen diesen beiden Extremen spielt sich nun das Leben und Erleben auf unseren kleinen Reise ab.  Auch der Autor war im Vorfeld hin- und hergerissen zwischen der flotten Variante, die für einen Neuling natürlich erhebliche Risiken birgt und der touristischen Variante, die aber zu „einfach“ erschien und nicht genug Leiden verhieß. Ja, auch darum geht es: sich selber richtig zu spüren, Grenzen zu verschieben, herauszufinden, wie Körper und Geist nach 48 Stunden ohne Schlaf reagieren, ob schlafen während des Tretens möglich ist (ja) und ob man nachts um drei Uhr Kalbszunge in Rahmsauce essen kann (nein!!).

Die letzte Veranstaltung 2007 ist inzwischen berüchtigt, wegen Ihres nassen, regnerischen Wetters und der hohen Zahl an Abbrechern. Dieses Jahr war die Wettervorhersage deutlich besser und die zwei Tage vor dem Start in Paris liessen uns auch kräftig schwitzen. Sonntag um 16 Uhr gingen die ganz Ehrgeizigen bei über 30 Grad auf die Strecke und wir noch Zuschauenden wollten nur in den Schatten flüchten und bedauerten die armen Kerle. Dies sollte sich am nächsten Morgen schlagartig ändern, denn pünktlich zu unserer Startzeit um 5 Uhr setzte Regen ein. Unintelligenterweise zog ich panisch meine Regenklamotten über. Dies sollte sich noch bitter rächen, denn nach der ersten Stunde hörte der Regen auf und ich schwitzte gewaltig. Die Suppe lief mir innen am Ärmel entlang in die Handschuhe, welche aufquollen und dicke Blasen an den Handballen verursachten.

Ich hielt an, zog das Zeug aus und machte mich an die Verfolgung der entflogenen Gruppe mit meinen beiden Mitstreitern Alfred und Ingbert. 5 Minuten hatte ich gestanden. Über eine Stunde mit über 30 km/h Schnitt brauchte ich, die Jungs wieder einzuholen. Toll! Kaum 100 km auf dem Tacho und schon schwere Beine, Blasen an den Händen und einen Hals wie Schwarzenegger. Aber ich war warm. Wir erhöhten das Tempo zusammen mit dem Organisator der slowenischen Brevets (einem Tier!) und seiner Partnerin (saustark, bis sie am letzten Berg vor der nächsten Kontrolle platzte).

Andreas Herrmann
Andreas Herrmann
Unser Zug fuhr direkt auf tintenschwarzen Himmel zu. Nach ca. 200 absolvierten Kilometern fing es dann an zu schütten. Als wir die Kontrolle in Villaines-la-Juhel erreichten, prasselte ein Wolkenbruch auf uns nieder. Achteinhalb Stunden waren absolviert und wir entschieden uns für einen längeren Stopp mit reichlich Verpflegung. Die Slowenin lächelte mich aus leeren Augen an. Sie hatte eindeutig überzogen. Wir würden sie erst wiedersehen, als wir schon auf dem Rückweg nach Paris waren, die beiden Slowenen aber noch mit recht finsteren Gesichtern gen Brest kurbeln mussten.

Zum Regen gesellten sich erste Blitze, und nach ca. 10 Stunden unterwegs waren wir mitten im dicksten Gewitter. Immer wieder hofften wir, daß der Wassertank über uns endlich mal leer sein müsste. Keine Chance! Offenbar folgte unsere Route exakt dem Weg einer Gewitterfront. Öfter als einmal waren wir genau im Zentrum des Unwetters, wo es richtigen Starkregen gab. Rings um uns schlugen die Blitze ein. Unfromme Gedanken begannen mein Hirn zu beherrschen: „Herr, nimm den Amerikaner mit dem Stahlrahmen neben mir. Der taugt doch viel mehr als Blitzableiter“.

Um mich zu beruhigen, erzählte ich Paul, dem tierisch fitten Ami mit dem Fixie, Horrostories von Leuten, die vom Blitz getroffen wurden. Er bekam genausoviel Schiß wie ich. Ziel erreicht. Geteilte Angst ist nicht halbe Angst, macht aber mehr Spaß.

Daß auch der Weltuntergang sich noch zur Apokalypse Deluxe steigern kann, erfuhren wir dann bei der Einfahrt nach Fougères. Steile Straßen, auf denen Wassermassen zu Tale schossen. Dann plötzlich Seitenbäche die einem schier den Lenker aus der Hand rissen.

Mehr Bilder von Paris-Brest-Paris gibt es auf der nächsten Seite!Drei Vaterunser später waren wir endlich im sicheren Hafen der Kontrollstation angelangt. Eine Phase schwächeren Regens ließ uns hoffnungsvoll die nächste Etappe starten. Nach knappen 15 Kilometern endete diese unter einem Vordach, von dem aus wir aus nächster Nähe gigantische Entladungen von Elektrizität bewundern durften. Ich mußte wieder an den deutschen Kollegen denken, der mir in Fougères kreidebleich erzählt hatte, daß ein Blitz ein paar Meter neben ihm in einen Baum eingeschlagen hätte und er jetzt noch den verkohlten Geruch in der Nase hätte. Radeln im Armaggedon? Ohne mich.

Plötzlich tauchte ein völlig vermummter Inder aus dem Chaos auf. Er hatte auf diesen ersten 330 Kilometern schon 12 Stunden auf uns verloren. Also eigentlich schon jetzt Probleme mit dem Zeitlimit. Er plauderte kurz über den Monsun in Indien und stemmte sich wieder den Naturgewalten entgegen. Respekt! Das konnten wir nicht auf uns sitzen lassen. Also, todesmutig die Rösser gesattelt und los.

Irgendwann waren die Gewitter dann nicht mehr direkt über uns, sondern in mittlerer Entfernung als beständiges Wetterleuchten zu bestaunen. Nun begann die Dämmerung. Unser tapferes Trüppchen kurbelte munter durch den Dauerregen in Richtung Brest. Gerade diskutierten wir, daß der Regen gut auszuhalten wäre, solange es nicht zu kalt würde und wir nicht vom Blitz getroffen würden, als uns in der Dunkelheit die ersten Turbo-Teilnehmer entgegenkamen.

Ein spektakulärer Anblick: Viele hatten Kopflampen + 2 Lampen am Rad + Leuchtwesten. Erst flog uns ein einzelner ET entgegen, dann erstrahlten immer mehr Grüppchen und Gruppen von Aliens über der nächsten Kuppe. Im Laufe der Nacht verbanden sich Feuchtigkeit, Kälte, Erschöpfung, Schlafentzug und visuelle Wahrnehmung zu einem einzigartigen Gefühl. „Ich schaue Außerirdischen beim Radeln zu, leider ist meine Heizdecke defekt“.

Das Terrain wurde immer hügeliger, so daß meine Heizdecke wieder gut zu funktionieren schien. Zu gut! Das stärkere Schwitzen verursachte gegen Ende der Nacht veritable Mangelerscheinungen. Ich stopfte während der Fahrt alles an Riegeln und Salztabletten in mich rein, was ich greifen konnte. Langsam verschwammen die Konturen und ich konnte mich mit Mühe auf dem Rad halten.

WIKIPEDIA: PARIS-BREST-PARIS
Der Brevet Paris–Brest–Paris (PBP) ist ein 1200 km langer Fahrradmarathon (Brevet). Start und Ziel ist die Sportanlage Gymnase des Droits de l'Homme im Pariser Vorort Guyancourt im Gemeindeverband Saint-Quentin-en-Yvelines. Der Wendepunkt ist in der am Atlantik gelegenen, nordwestfranzösischen Stadt Brest in der Bretagne. Entstanden ist PBP aus dem gleichnamigen Radrennen für Profis und Amateure, das erstmals am 6. September 1891 und zuletzt 1951 stattfand. Der Brevet findet alle vier Jahre statt, zuletzt 2011. Die nächste Austragung ist für 2015 vorgesehen.
Eine Besonderheit der Strecke ist, dass sie sehr hügelig ist. Es sind rund 10.000 Höhenmeter zu bewältigen. Da es zwischen Paris und Brest keine Berge gibt, verteilen sich die Höhenmeter auf mehr als 360 meist kurze und nicht sehr steile Anstiege. Die steilsten Abschnitte sind sehr kurze Steigungen bei Rambouillet, die längsten (recht flachen) Anstiege befinden sich auf dem Weg zum Roc'h Trévezel, dem mit 384 Metern über Meereshöhe höchsten Punkt der Strecke (und der Bretagne).
Morgens um 7 Uhr kamen wir endlich in Carhaix an. Wir drei waren alle komplett leer. Auch psychisch. Wir beschlossen, eine Powernap-Pause zu machen. Dem Schlaf wollten wir uns noch nicht ergeben. Nicht ohne vorherigen Versuch der Kurz-Nickerchen-Strategie. Alfred ließ sich noch seine aufgeweichten Füße behandeln. Eingecremt und top-versorgt hielten sie tatsächlich ohne weitere Mucken bis zum Ende der Tour durch. Ich wickelte mich in meinen Biwacksack und nach 20 Minuten stand ich wieder selbstständig auf, ohne richtig geschlafen zu haben. Trotzdem fühlte ich mich wieder sehr gut. Ingebert musste ich wachrütteln, was mit einem wilden, mordlüsternen Blick bestraft wurde, aber offensichtlich hatte auch ihm das Nickerchen neue Kräfte geschenkt.

Frischen Mutes ging es nun auf Brest zu, über die höchste Erhebung der Bretagne, den Roc’h Trévezel. Für mich der psychisch anspruchsvollste Teil der Strecke, denn morgens fährt man 90 Kilometer hin zur Wendestelle und dann mittags gleich wieder zurück. Man ist quasi den ganzen Tag unterwegs und kommt abend wieder am Ausgangspunkt raus.

Ab Brest fühlte ich mich wie befreit. Es ging heimwärts. Wieder zurück in Carhaix verpflegten wir uns anständig mit Nudeln und machten uns auf in die Dämmerung. Bis Fougères lag nun derjenige Abschnitt des Weges vor uns, der uns auf dem Hinweg am meisten zu schaffen gemacht hatte.

Aber jetzt war es trocken. Bei angenehmen Temperaturen schwebten wir über die Hügel. Das Mondlicht schien und wir hatten leichten Rückenwind. Es war ein Hochgenuß. Nie habe ich Radfahren intensiver erlebt. Nie fühlte es sich leichter an. Ich unterhielt mich unterwegs mit meinen Mitfahrern. Auch sie hatten – sicherlich durch den Schlafentzug mit verursacht –  das Gefühl, sich selbst beim Radeln zu beobachten. Sozusagen außerkörperlich, metaphysisch. Körpereigene Drogen sind die besten überhaupt. Nur braucht es halt verdammt viel Aufwand, um an sie ranzukommen!

Auch eine andere Erfahrung macht diese 3 Tage unvergesslich. Die Franzosen, im speziellen die Bretonen! Nie hätte ich geglaubt, daß ich einmal so viel Sympathie für dieses Volk empfinden könnte. Sie sind einfach fabelhaft. Familien stehen tage- und nächtelang an der Straße, bieten Kaffe und Wasser an, schreien auch (und vor allem) der letzten Gurke noch „bon courage“ hinterher und tun alles dafür, daß sich der Fahrer wie ein Held vorkommt. Man fährt morgens um vier durch gottverlassene Weiler und plötzlich feuert einen der Opa aus der Garage an und klatscht kräftig. Dörfer ziehen rauschende Feste an der Strecke ab. Man ist selbstverständlich auf ein Bier oder eine Cola eingeladen. Mehr als einmal standen einsame Tische mit gekauftem Wasser und selbstgemachtem Kuchen an der Straße, versehen mit einem kleinen Schildchen, sich doch bitte zu bedienen.

Und die Mitstreiter. Eine philippinische Damenmannschaft, gesponsert von einem Friseur-Großhandel war am Start. Winzige Mädels von 40 Kilo, die sich durch das Sauwetter kämpften. Japaner und Taiwanesen, die vor lauter Erschöpfung schlingerten und mit größter Sorgfalt zu überholen waren. Liegeradfahrer, Liegeradtandems und Tridems. Überdimensionale Dreiräder. Meine persönlichen Helden, die Fixiefahrer, die die ganze Strecke ohne Schaltung und vor allem ohne Freilauf abolvierten. Sie konnten auf der ganzen Strecke keinen einzigen Tritt auslassen, denn auch bergab müssen sie rödeln, was das Zeug hält. Man benötigt eine außergewöhnliche radlerische Klasse, um diese Tortur zu überstehen.

Ein Brite, der auf einem hundert Jahre alten Originalrad eine ganze Weile mit uns mithielt. Gereifte Recken, wie der 80-jährige Deutsche Friedhelm Lixenfeld. Ein Vorbild an Humor und Lebensfreude, der die Strecke fröhlich und souverän in 86 Stunden absolvierte. Und natürlich mein Vereinskamerad Armin, der jede Menge der ehrgeizigen Renner blamierte und als Randonneur und Selbstversorger in galaktischen 49 Stunden finishte. Selbstverständlich ohne eine Minute Schlaf benötigt zu haben.

Auf dem Weg nach Tinténiac trafen wir Frank. Zweifacher (jetzt dreifacher) Finisher, überzeugter Alleinfahrer und in der 90-Stunden-Gruppe gestartet. Er hatte uns als Teil unserer Truppe im Kleinbus nach Paris chauffiert. Ein ganz lieber, aufgeschlossener Kerl. Als ich ihn beim Vorbeiradeln ansprach, reagierte er erst überhaupt nicht. Dann fragte er mich auf englisch: „And where do YOU come from?“ Er war völlig in seiner eigenen Welt unterwegs. Erst Alfred, mit dem er schon viele Schlachten geschlagen hatte, sorgte für ein Wiedererkennen und wir fuhren fröhlich die nächste Stunde gemeinsam hügelauf und hügelab.

Gewitter
Gewitter
Nach 44 Stunden unterwegs glaubten wir, daß Geist und Seele den Körper überwunden hatten, nach 45 Stunden wollten wir nur noch – schlafen. Mit der festen Überzeugung nachts um kurz vor 3 an der Kontrolle in Tinténiac angekommen, ewig weiterfahren zu können, kam ich kaum mehr von meinem Untersatz runter. Als ich dann beim Stempelabholen noch über diverse Bierbänke torkelte, war klar, Pause muß sein.

Im „Restaurant“, einem zweckentfremdeten Gymnasium , dann ein unfassbares Bild. Randonneure, die sich in den bizarrsten Stellungen in die rettende Umarmung der Ohnmacht geflüchtet hatten. Manche an der Wand abschmierend, einige mitten im Weg laut schnarchend, einer sogar mit dem Gesicht direkt in seiner stinkenden Wäsche.

Hier trafen wir auch auf Jochen, den letzten noch fehlenden Mitfahrer unserer Stuttgart-PBP-Connection. Ein ganz erfahrener Randonneur mit Liebe und Auge für Land und Leute. Kein Raser und Ehrgeizling. Viele bemerkenswerte Photos in diesem Beitrag stammen von ihm. Ganz entspannt berichtete er von seiner Fahrt und den vielen spannenden Begegnungen und bettete sich dann zur Ruhe. Auch er rreichte in perfektem Erhaltungszustand das Ziel in Paris.

Zwei Stunden Schlaf gönnte sich unsere Gruppe. Als ich erwachte – ohne auf meinen Wecker angewiesen zu sein – juckte mein kompletter Unterbau. Meine Radhose hatte ein grausliges Eigenleben entwickelt. Ein scheuer Blick ins Allerheiligste ließ mich erschaudern. Nicht die empfindlichen Stellen an der sitzgeplagten Hinterseite waren entzündet, sondern der vordere Teil. Ausgetrocknete Salzkristalle und die tausenfache Reibung durch meinen Hängebauch hatten rosafarbene Flächen brennenden Fleisches freigelegt. An Stellen, die nur der Urologe korrekt beschreiben kann. Wechselhose bzw. regelmässige Säuberung ist beim nächsten Mal definitiv Pflicht.

Aber Schmerzen tun ja nur weh. Lediglich größere physische Defekte, wie etwa fehlende Gliedmaßen, können einen rechten Randonneur vom weiterpedalieren abhalten. Also eine doppelte Lage Bepanthen druff und weiter nach Paris, Paris, Paris (das von der Liebö träumt). Relativ schnell gewöhnte sich der Körper an das Brennen und blendete es aus. Wie auch die übrigen, sich langsam einschleichenden Gebrechen.

Auf der nächsten Etappe war unser Grüppchen flott unterwegs, da wieder taufrisch. Immer mehr Lutscher hingen an unseren Hinterrädern. Da mein Französisch nicht mehr für Vertragsverhandlungen, aber immer noch hervorragend für ausgefeilte Beleidigungskanonaden reicht, wussten die wollbesockten französischen Mittfünfziger recht bald, daß sie verdammte Parasiten wären, die entweder auch mal führen oder sich in die Weiten der Bretagne verpfeifen sollten. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden, hielten wir beim nächsten Bäcker und hauten uns die Wampe voll anstatt Franzosen zu schänden.

Hmmm, der Duft, der am Morgen aus französischen Bäckereien strömt, wenn man schon ein paar Stündchen gekurbelt hat, schlägt jedes Parfüm. Für ein Croissant Amandine lasse ich alle anderen Köstlichkeiten dieser Welt stehen. Locker gehen auch zwei und zum Nachtisch noch ein Pain au Chocolat rein.

Bei dieser Morgenepisode lernten wir Helge kennen. Einen 65-jährigen dänischen Ingenieur, der sich als einziger in den Wind geworfen hatte und uns fortan begleiten sollte. Das Wetter wurde immer schöner und wir bestaunten die riesige Festung von Fougères im Sonnenlicht und erfreuten uns an einem güldenen Morgen. Nach einem wundervollen Ritt durch eine hügelige Landschaft (bei Sonne viel schöner als bei Monstergewitter)wurden wir schließlich in Villaines-la-Juhel wie Sportstars  empfangen. Die Leute wurden durch Absperrungen vom Fahrerlager zurückgehalten, drängten sich vor den Gattern und beobachteten die Neuankömmlige dabei, wie Vorräte aufgefüllt, an wichtigen elektronischen Geräten rumgetippt und leise gestöhnt wurde.

Bei der Essenausgabe dann der Höhepunkt: angesichts der langen Schlange vor dem Futtertrog wurde ich aggressiv und begann laut rumzuschimpfen, da kam auch schon eine der zahlreichen zauberhaften Helfer(innen) in leicht fortgeschrittenem Alter, nahm mich sanft beim Arm und führte mich an all den Wartenden vorbei zum Tresen. Die Übergangenen straften uns nicht etwa mit vernichtenden Blicken, sondern gingen mehr als bereitwillig zur Seite und wünschten uns laut viel Glück und wieder mal „bon courage“. An der Seite warteten schon Kinder, die einem das Tablett abnehmen wollten. „Monsieur, darf ich Ihr Tablett tragen“ bleibt für mich der Satz, der die Begeisterung und Anstrengung der Bretonen für PBP am schönsten zusammenfasst. Dermaßen gestärkt und aufgebaut fuhren die Helden durch ein wahres Spalier an applaudierenden Zaungästen aus diesem wunderbaren Ort. 

Morgengrauen
Morgengrauen
Auf dem Weg durch die Hügelchen wurde es jetzt immer wärmer und am späten Nachmittag bekam ich plötzlich Probleme, mich zu konzentrieren. Die Straße verschwamm vor meinen Augen, ich sah die Schilder nicht mehr und ließ mich ans Ende der Gruppe zurückfallen. Da war sie, die zweite Schwächephase. Riegel und Cola halfen nix. Jetzt bettelte ich einen Mitkämpfer um eine Koffeintablette an. Anscheinend hilft es in diesem Fall, kein Kaffetrinker zu sein. Das Ding wirkte tatsächlich und ich kam ohne weitere Schlafattacken durch.

Immer mehr rückte nun die erreichbare Endzeit in den Fokus. Ich drängelte und drückte aufs Tempo. Wollte die Pausen möglichst kurz halten. Auch weil ich befürchtete, durch eine zu lange Rast einen Schlafanfall zu bekommen. Wie Uhrwerke cruisten wir durch immer flacheres Gelände in den Sonnenuntergang, bis wir schließlich Dreux erreichten. Die letzte Station, nur noch 65 Km vom Ziel war erreicht. Unbedingt wollte ich vor Mitternacht in Paris ankommen. Naja, eine Pause braucht halt Zeit und so zuckelten wir erst im Dunkeln los. Erst steil durch den Ort, dann flach auf unsagbar schlechten, verdreckten Straßen bis zum Wald von Rambouillet. Hier wartete noch eine richtige Kotzrampe auf uns, die wir aber lässig besiegten. Von nun ab wurde das Szenario wieder unwirklich.

Helge, unser Däne, bekam einen Energieschub und preschte mit einer Höllengeschwindigkeit davon. Wir folgten ihm. Immer wieder überholte uns in den Gefällestücken ein Tandem mit einem britischen Pärchen, das wir an der nächsten Steigung wieder stehenließen. Bergauf wurde jedesmal laute Musik von Lenny Kravitz eingespielt, die ich sicherlich 5 Jahre lang nicht mehr freiwillig hören werde. Die Umgebung wurde immer städtischer. Die Straßen immer schlechter. Prächtige Jugendstilvillen in noch prächtigeren Parks. Steile Auffahrten, Kopfsteinplaster, Regenrinnen. Bei einer halsbrecherischen Abfahrt, immer hinter unserem verrückten Dänen her, passierte es dann.

1210 Kilometer war ich ohne jeglichen Defekt gekommen. Kurz vor dem Ziel mußte mein tapferes Rad den Straßenverhältnissen, meinem Fahrstil und meinem Gewicht Tribut zollen. Eine Speiche riß aus der hinteren Felge. Der Zerstörer (mein Spitzname beim örtlichen Radhändler) hatte wieder zugeschlagen.

Das Hinterrad schliff höllisch am Rahmen, ließ sich aber noch bewegen. So quälte ich mein gebeuteltes Reittier über die letzten Kilometer. Um 0:28h kamen wir nach einer zusätzlichen Ehrenrunde überglücklich am Ziel an. Mein Rad musste ich zum Abstellplatz tragen. Nix ging mehr. Wieder mal Dusel gehabt. Eine solche Panne irgendwo im Wald wäre sicherlich eine große Herausforderung an mein Organisationsgeschick geworden.

Das Zeremoniell im Ziel: Stempeln, Umarmen, ein paar Tränchen verdrücken. So viel Bier trinken wie möglich, dann duschen und die Kleidungsstücke anziehen, die am wenigsten verdreckt waren. In meinem Falle eine vom Regen durchnässte Sportunterhose und ein ärmelloses Sportunterhemd. So schlich ich dann, wie ein Orang-Utan mit blutenden Oberschenkeln zum Arzt. Dieser stellte ein paar unsägliche Dinge mit meinen heiligsten Körperzonen an. Mit der Bemerkung entlassen „das wird schon, halb so wild“,  kroch ich endlich mitten in der Halle in meinen Biwacksack und überließ mich einer gnädigen Ohmacht.

Am Morgen waren die brennenden Schmerzen verflogen. Ich traute mich aber erst nicht aus dem schützenden Sack. Nüchtern geworden, plagte mich nun die Scham. Die staunenden bis mitleidigen Blicke der Umstehenden bestätigten nach dem Aufstehen meine Befürchtungen und ich kaufte mir schnell eine häßliche, viel zu enge, französische Radhose um nicht weiterhin Anlaß für angeekelte Stielaugen zu sein.

Alle Kameraden waren inzwischen heil eingetroffen und jeder war absolut voll von dem Erlebten. Breiteres und länger anhaltendes Grinsen findet man wohl nirgends. Das Hochgefühl hält noch Tage an. Bei allen tollen Erfahrungen und Begegnungen dominiert jedoch die Erinnerung an die Zuschauer und Helfer am meisten.

Diese Anteilnahme unterscheidet PBP von so ziemlich jedem Event, an dem ich teilnehmen konnte und ist höchstens noch vergleichbar mit der Challenge in Roth. Aber selbst dort kommt kein noch so engagierter Helfer an den Charme der Kinderstimmen in Villaines-la-Juhel ran: „Monsieur, est-ce que je peux porter votre tableau?“

2015 bin ich wieder dabei. Mais bien sûr!
Andreas Herrmann

Auf der nächsten Seite: Bilder von Paris-Brest-Paris 

Über den Autor
Vor 4 Jahren noch 120 Kilogramm schwer, hat Andreas Herrmann inzwischen mehrere Triathlon-Langdistanzen meist vergnügt überstanden, sowie sich bei Ausdauer-Events wie der Bike-Transalp-Challenge oder dem New York Marathon vergnügt. Derzeit gehört sein Herz dem Langstrecken-Radeln und Langdistanz-Exoten (siehe Wanaka-Bericht). Inferno und Norseman seien interessante Kandidaten für weitere Selbstentleibungsversuche.

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